"Gebrochen war ich nie"
Als Intensivmediziner kämpfte er immer im Grenzbereich zwischen Leben und Tod. Vielleicht ein Grund, warum Eugen Adelsmayr trotz drohenden Todesurteils in Dubai ruhig bleibt.

Foto ©
Braun gebrannt, ruhig, erholt sitzt er auf einer Sonnenterrasse in der Nähe von Bad Ischl mit Blick auf den Dachstein und sagt, dass er Österreich heute anders schätze. Die Sicherheit, die Ruhe, alles habe eine andere Wertigkeit bekommen. "Was wir hier haben", sagt er, "ist ein Luxus."
Ein Luxus, den Eugen Adelsmayr heute anders bewertet als vor sieben Jahren, als ihm Österreich und die Uniklinik in Innsbruck zu klein wurden und er zunächst für ein Jahr eine Karenzvertretung in Dubai übernahm. Aus einem Jahr wurden sieben. "Die Emirate erschienen mir und auch meiner Frau als Tor zur Welt, hinaus aus der Provinz, hinein in einen Hotspot der Gegenwart mit einer interessanten Stelle als Leiter einer großen Traumaabteilung, die ich mit aufbauen konnte. Mit Mitteln, die fast grenzenlos waren."
Welche Frage er nach all den Medienberichten über seinen Prozess nicht mehr hören kann? Eugen Adelsmayr wehrt ab. Nein, es würde keine Frage geben, die ihm auf die Nerven gehe. "Was ich nicht mag, sind die Herz-Schmerz-Geschichten, in denen ich als gebrochenes Opfer dargestellt werde. Das war ich nie, ich habe das alles immer sehr nüchtern gesehen und gekämpft."
Nüchtern hat er anfangs auch nach dem Tod eines pakistanischen Arbeiters als Vorstand der Traumaabteilung in Dubai den Vorwurf zurückgewiesen, je die Anweisung gegeben zu haben, ihn bei einem weiteren Herzstillstand nicht mehr zu reanimieren. Der Mann war vom Hals ab querschnittgelähmt, hatte immer wieder Herzstillstände, eine Lebenserwartung von wenigen Monaten und war während eines Nachtdienstes von einem indischen Arzt nicht mehr reanimiert worden. Monate später wird der Richter immer und immer wieder Pfleger, Ärzte, Schwestern fragen: "Hatten Sie von einer Anweisung von Dr. Adelsmayr gehört?" Eine Schwester sagt laut Gerichtsprotokoll: "Nein, das habe ich nicht. Wir dürfen auch keine mündlichen ärztlichen Anweisungen befolgen, außer im Notfall."
Kurz zuvor hatte der Staatsanwalt in Dubai Adelsmayr und seiner Anwältin erklärt, es handle sich um ein Tötungsdelikt. An diesen Augenblick, sagt er, werde er sich immer erinnern. "Wie wir hinausgingen, sagte die Anwältin: Darauf steht die Todesstrafe."
Zwei Ärzte an seiner Klinik hatten ihn angezeigt. Er habe die Anweisung erteilt, den Mann bei einem weiteren Herzstillstand nicht mehr zu reanimieren. Der diensthabende indische Arzt sagte wiederum aus, von seinem Chef Adelsmayr nie direkt eine Anweisung erhalten zu haben. Er habe nur davon gehört.
Eine Anweisung zum Therapieentzug, die Adelsmayr nie gegeben haben will. "Solche Anweisungen", erklärt er, "können nur schriftlich erfolgen. Ich habe eine solche in der ganzen Zeit nie gemacht." Eine Intrige, ein Komplott zweier Ärzte, die seine Stelle einnehmen wollten. Einen der beiden hatte er bereits früher zur Rede gestellt. "Wenn ich dich absteche, merkst du nicht einmal, dass ich es bin", hat ihm der irakische Arzt darauf erwidert.
Ohnmacht
Ohnmachtsgefühle hatte er damals immer wieder. "Ich verlor die Lizenz, konnte nicht arbeiten und bin in ein Loch gefallen. Und später wurde mir auch der Pass abgenommen", erzählt er. Nach der Anklage wegen Mordes sagte er sich schließlich: "Die werden mich erschießen. O. k., erschießt mich." Er lehnt sich zurück, streichelt seinen Hund und meint: "Ab diesem Moment habe ich wieder Kraft gefunden. Da war ich nicht mehr gelähmt. Wenn man den Tod als Option akzeptiert, schafft man sich Freiraum."
Er hat gekämpft, monatelang. Freunde dachten anfangs, er sei suizidgefährdet. "Das war ich nie. Ich hatte auch keine Angst mehr, sondern habe das als interessante Reise in mein Innerstes gesehen."
Immer wieder wurde er gefragt, ob er mit dem Wissen von heute in die Emirate gegangen wäre. Heute würde er es keinem Arzt empfehlen, sagt er, überlegt lange und meint dann: "Es waren aber auch lehrreiche Jahre. Ich habe enorm viel gelernt."
Was ihn am meisten belastet hat? "Das war die panische Angst, die meine Frau und meine Söhne in Bad Ischl hatten. Das war für mich das wirklich Belastende." Er überlegt kurz und meint: "Heute würde ich anders reagieren. Es ist toll, dort zu leben und zu arbeiten, meine Frau und meine Kinder haben mich oft besucht, die Klinik hatte eine Ausrüstung, wie sie kaum eine Universitätsklinik in Österreich hat, aber wenn es Schwierigkeiten gibt, würde ich jedem raten: sofort weg." Er holt tief Luft und sagt: "Ich habe das alles unterschätzt und dachte zu lange: Die Vorwürfe sind so absurd, ich lasse mich nicht davonjagen."
Schlusspunkt
Als schließlich die Fälschung eines Originalbefundes bekannt wurde und ihm seine Anwältin sagte: "Jetzt muss alles eingestellt werden", atmete er auf. "Aber", erzählt er, "es ist nie so gekommen, wie wir es erwartet haben. Nichts an Gegenbeweisen hat merklich geholfen, nicht einmal, dass die Anklage auf einem gefälschten Dokument beruht. Wer lässt sich auch schon gern als Fälscher hinstellen, schon gar nicht die staatliche Gesundheitsbehörde, deren Präsident der Bruder des Herrschers ist."
Seine Erinnerungen hat er jetzt niedergeschrieben - über den Prozess, die Rückkehr mithilfe des Außenministeriums, den Tod seiner Frau, die während des Prozesses erkrankte, die Arbeit in Dubai. "Beim Schreiben sieht man Dinge klarer, das hat mir gutgetan. Ein Schlusspunkt ist dieses Buch aber nicht. Abschließen werde ich erst können, wenn jene zwei Ärzte, die mir mein Leben zerstörten, vor Gericht stehen."
Abschließen wird er auch nicht, wenn nächsten Sonntag in seiner Abwesenheit das Urteil verkündet wird. Womit der 52-Jährige, der seit dem Tod seiner Frau wieder in einem Spital in Salzburg arbeitet, rechnet? "Es ist nicht so, dass ich diesem Tag entgegenfiebere. Es ist alles so unberechenbar, dass ich das emotionslos auf mich zukommen lasse." Er bestellt sich einen zweiten Cappuccino und korrigiert: "Nein, es lässt mich nicht kalt, aber ich habe keine Erwartungen mehr."
Ob Todesstrafe oder Freispruch, aus der Ruhe bringt es ihn nicht mehr. Er lehnt sich zurück und meint: "Was ist in einer Familie, in der ein Kind stirbt? Das ist für mich die größte vorstellbare Katastrophe."
Features
Fakten
Eugen Adelsmayr, geboren 1959 in Bad Ischl. Zwei Söhne. Medizinstudium und Studium der Gesundheitswissenschaften. Bis 2005 Oberarzt Uniklinik Innsbruck, 2005-2011 Leitungsposten in Abu Dhabi und Dubai. Soeben erschien sein Buch: "Von einem, der auszog".











