Hoffnung auf den "Meister des Unmöglichen"
Das Zweite Vatikanische Konzil, das vor 50 Jahren feierlich eröffnet wurde, bedeutete für die katholische Kirche einen Sprung nach vorn. Aber von sehr weit hinten. Rückblick auf eine vermeintliche Zukunft.

Foto © APA
Zweitausendfünfhundertvierzig weiß gekleidete Bischöfe und Kardinäle ziehen am 11. Oktober 1962 in den Petersdom ein. Tausend Berichterstatter aus aller Welt sind dabei, um über ein Ereignis zu berichten, das später von dem englischen Historiker E.F. Hales als "Die große Wende" in einem Buch gewürdigt wurde.
Der englische Titel lautete "Pope John and his Revolution". Revolution und Kirche - passt das zusammen? Irgendwie stimmte es. Jedenfalls war es eine kleine Medienrevolution, als die große "New York Times" ein halbes Jahr nach der Konzilseröffnung, die Friedensenzyklika des Papstes Johannes XXIII. "Pacem in terris" zur Gänze abdruckte.
Diese Enzyklika erschien an einem Höhepunkt des Kalten Krieges: Die Berliner Mauer stand noch keine zwei Jahre und die Kubakrise, die unsere Welt an den Rand eines Atomkrieges gebracht hatte, war in aktueller Erinnerung. Und der Papst schrieb vom Frieden, der ohne Krieg möglich sein müsse. Das Oberhaupt der Katholiken wandte sich mit seiner Botschaft aber "An alle Menschen guten Willens".
Es war die erste Enzyklika, in der das geschah und das von Johannes XXIII. einberufene Konzil sollte die Kirche aus ihrer Defensivposition holen. Sie sollte der Welt offen und freimütig gegenübertreten. Der alte Mann, der zwei Monate nach der Veröffentlichung von "Pacem in terris" starb, war zutiefst überzeugt, dass diese Kirche dem modernen Menschen in seiner Angst und in seiner Selbstentfremdung etwas zu sagen habe. Er wollte ein Pastoralkonzil.
Das Bild von den weit offenen Fenstern in der bisherigen Scheinfestung Kirche wirkte befreiend. Die Hoffnungen, die dieses Reformkonzil weckte, hat ein unverdächtiger Zeuge sehr einprägsam formuliert, er schwärmte von einem "geheimnisvollen Gefühl des Anfangs, das den Menschen wie kaum ein anderes bewegt und beflügelt". So beschwingt war damals ein junger Fundamentaltheologe, den sich der Kölner Erzbischof Kardinal Josef Frings in seinen Beraterstab für die Versammlung in Rom geholt hatte: Joseph Ratzinger, der jetzige Papst Benedikt XVI.
Der Aufbruch begann mit einem Aufstand: Die Vorbereitungskommission hatte, in lateinischer Sprache, 73 Schemata ausgearbeitet, die von den Konzilsteilnehmern, nach dem Wunsch der Römischen Kurie, eigentlich nur bestätigt werden sollten. Aber die Bischöfe und Kardinäle wollten diskutieren. Und sie taten das drei Jahre, jeden Herbst einige Wochen lang.
Sehr kurz zusammengefasst lassen sich ein paar nachhaltige Ergebnisse festhalten: Der große Theologe Karl Rahner erkannte zum Beispiel in diesem Konzil den ersten amtlichen "Selbstvollzug der Kirche als Weltkirche", bemerkbar schon rein äußerlich an den Teilnehmern aus Afrika oder Asien - keine Missionsbischöfe mehr, sondern Vertreter des einheimischen Episkopats, gewachsen und geformt in nichteuropäischen Kulturen.
Und weil das Latein als Hochsprache des europäischen Kulturkreises nicht die gemeinsame Sprache einer Weltkirche sein konnte, war das Bekenntnis zur jeweiligen Landessprache, wie es im Liturgiedekret formuliert ist, ein entscheidender weiterer Schritt hin zu dieser Weltkirche.
Zum ersten Mal in der Lehrgeschichte der Kirche sieht dieses Konzil in den anderen Christen nicht "Häretiker" und "Schismatiker", sondern "getrennte Brüder". Und auch in den anderen Weltreligionen wird Positives entdeckt.
In der Erklärung über die Religionsfreiheit verzichtet die Kirche zudem auf alle Machtmittel bei der Glaubensverkündigung, die nicht in der Kraft des Evangeliums selber liegen. Karl Rahner meint dazu, dass sich die Einschränkung der Freiheit im Namen des einzig Guten und Richtigen nach den Dekreten des Konzils nicht mehr so leicht christlich drapieren lasse.
Gerade angesichts eines wachsenden Islam-Einflusses auch in Europa muss auf diesen Wesensunterschied hingewiesen werden: In Staaten, in denen der Islam als Religion dominiert, ist der Koran Richtschnur der Regierungsgewalt und das politische Leben zielt darauf ab, die Rechte Gottes und die Rechte der Gläubigen zu sichern.
Wichtig sind in den Konzilstexten auch die Hinweise auf die Bedeutung des Gewissens.
Innerkirchlich von Bedeutung ist der Wandel des Kirchenbildes: die Kirche nicht mehr als Bollwerk gegen Moderne und Unbill der Welt, auch nicht als ein Haus, das "voll Glorie in alle Welt" schauet, wie es in einem Kirchenlied noch triumphalistisch heißt - nein: Kirche als wanderndes Volk Gottes. Und in diesem wandernden Gottesvolk gibt es ein gemeinsames Priestertum aller Gläubigen, selbstverständlich mit verschiedenen Funktionen.
Unausgegoren, aber in der Tendenz doch eindeutig ist die Tatsache, dass der päpstliche Primat durch das Prinzip der Kollegialität der Bischöfe ergänzt wurde. Gedacht war wohl daran, dass Kirche nicht einseitig von der römischen Zentrale her verstanden werden sollte.
Die Konzilstexte bieten viel Interpretationsspielraum, der auch weidlich genützt wird. Nur nebenbei: Alle Texte wurden mit überzeugender Stimmenmehrheit angenommen. Nur bei ganz wenigen Dokumenten gab es etwas mehr Nein-Stimmen, die aber nie über 90 hinausgingen. Bei rund 2400 Teilnehmern.
Für einen Außenstehenden mag manches verwunderlich sein, was hier als Fortschritt gefeiert wird, aber andererseits waren innerhalb der Kirche selbst manche Ergebnisse des II. Vatikanums heftig umstritten. Die Unruhe wuchs. Die einen sahen in diesem Konzil die Initialzündung für einen fortschreitenden Reformprozess, konservative Katholiken jedoch fürchteten einen Aufbruch in den Untergang.
Als besonders umtriebig erwiesen sich die holländischen Katholiken. Die kleinen Niederlande mit ihren fünf Millionen Katholiken wurden zu einer Hochburg der Erneuerungsexperi
mente. Bischöfe stellten sich an die Spitze der Bewegung, die Holland zu einem "Laboratorium für kirchliche Erneuerung" machte. Ein Ergebnis dieser Bemühungen war der 1968 erschienene Holländische Katechismus, ein auch heute noch lesenswerter Versuch, Glaubenswahrheiten in einer zeitgemäßen Sprache zu vermitteln. Diese "Glaubensverkündigung für Erwachsene" war auch in Deutschland mit 200.000 Exemplaren verbreitet.
In Frankreich machten weltweit die Arbeiterpriester von sich reden: Priester, die als Arbeiter Seelsorge bei Arbeitern leisteten. In Österreich gab es Nachfolger: Der junge Fohnsdorfer Kaplan Helmut Gries zum Beispiel fuhr einen Monat lang mit Grubenarbeitern, die er sonst kaum in der Kirche sah, 1000 Meter in die Zeche hinunter und schrieb über seine Erfahrungen das Tagebuch "Gott unter Tag".
In der Steiermark, aber nicht nur hier, formierten sich Fronten innerhalb der Priesterschaft. Da begehrten Kapläne gegen das "feudale Abhängigkeitsverhältnis gegenüber dem Bischof" auf, ein Prediger donnerte von der Kanzel gegen den jungen Klerus als "Vietcong in der Kirche" und ältere Pfarrer beschuldigten ihre rebellischen Kapläne, Atheisten zu sein. Dem ständigen Druck dieser Spannungen war der damalige steirische Diözesanbischof nicht gewachsen: Im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht verließ Josef Schoiswohl sein Amt.
Zwischen Jänner 1963 und März 1969 suchten laut einem vatikanischen Dokument 3563 Weltpriester und 3807 Ordenspriester um Ehedispens an. Alle, die ohne Dispens ihren Talar auszogen, sind hier nicht aufgezählt.
Rom hatte aber längst reagiert: Die Holländer waren die Ersten, die zu spüren bekamen, dass der Papst und die Kurie nicht mehr gewillt waren, dieser Entwicklung tatenlos zuzusehen. Ein probates Mittel ist dabei die gezielte Neubesetzung von Bischofsämtern, ohne die Ortskirche miteinzubeziehen - selbst wenn es dabei dann zu so eklatanten Fehlbesetzungen mit Langzeitfolgen wie in Österreich kommt.
Die Kurie hat aber noch zahlreiche andere institutionelle Möglichkeiten, um konsequent und mit beachtlicher Härte den neuen Kurs durchzusetzen. Ein ernsthafter theologischer Diskurs über brisantere Themen findet innerhalb der Kirche kaum mehr statt. Unkonventionelle Meinungen sind nicht gefragt. Vom befristeten Schweigegebot bis zum Entzug der Lehrbefugnis nützt die Zentrale in Rom alle Möglichkeiten, um eines klarzumachen: Theologen sind nicht dazu da, zu forschen oder nach neuen Wegen der Verkündigung zu suchen - ihre Aufgabe besteht vor allem darin, die alten Wahrheiten zu verteidigen und zu bekräftigen.
1998 verfügte Johannes Paul II. zudem eine Änderung des Kirchenrechts: Künftig müssen katholische Theologen auch solche Glaubensinhalte verbindlich lehren und verteidigen, die nicht ausdrücklich als Dogmen der Kirche verkündet wurden. Laut erklärenden Anmerkungen gehören dazu unter anderem zwei so wesensverschiedene Fragen wie die Lehre von der Ausschließlichkeit der Priesterweihe für Männer oder die Ablehnung der Euthanasie. Dieses "Motu proprio" "Zur Verteidigung des Glaubens" ist aber nur die kirchenrechtliche Verankerung eines entsprechenden "Treueeids", den kirchliche Amtsträger und Theologie-Dozenten bereits 1989 leisten mussten.
1998 wurde durch die Vorschreibung neuer Normen für die nationalen und territorialen Bischofskonferenzen ("Apostolos suos") nicht nur die Vorrangstellung des Papstes neuerlich bekräftigt, sondern den Bischofskonferenzen auch eine Einstimmigkeit für verbindliche Lehramtsentscheidungen vorgeschrieben. Konkret bedeutet das eine Erschwernis von Entscheidungen bis hin zur Lahmlegung.
Es wird also wieder verteidigt, offene Fenster werden fest zugemacht und Freiräume verrammelt. Aber nicht nur der Graben zwischen Kirche und Gesellschaft hat sich vergrößert - auch die Kluft zwischen Klerus und Laien ist wieder breiter geworden. Die alles dominierende Sorge um Einheit, Glaubensreinheit und Gehorsam entwickelt eine derart lähmende Kraft, dass sich ein gesellschaftskritisch waches Christentum kaum entwickeln kann. Wird es überhaupt noch angestrebt oder ist Selbstbescheidung angesagt: der Rückzug auf die Pflege der eigenen, kleiner werdenden Gläubigenschar?
Dazu kommen verstörende Entscheidungen, deren Wirkung durch die Verweigerung von Kommunikation noch verstärkt wird. In diesem Sommer wurde zum Beispiel der beliebte Erzbischof von Trnava in der Slowakei ohne jede Begründung entlassen. Als die irritierten Katholiken nach einer Erklärung verlangten, wurde ihnen vom Sprecher der Bischofskonferenz beschieden, es sei "eine unter dem Einfluss der Medien entstandene Irrmeinung, dass der Heilige Vater seine nach reiflicher Überlegung getroffenen Entscheidungen erklären oder gar rechtfertigen müsse".
Die Irrmeinung dürfte eher darin bestehen, mit einer derartigen Mentalität heute noch agieren zu können, ohne der Kirche zu schaden. Autorität kann sich durch Überbetonung auch selbst auflösen.
Das wandernde Volk Gottes verharrt gegenwärtig in einer Zwangsrast. Kurz vor seinem Tod meinte der jüngst verstorbene Erzbischof von Mailand, Kardinal Carlo Maria Martini, in einem Interview, die Kirche sei zweihundert Jahre stehen geblieben. Auf der Suche nach der Glut unter der Asche bedränge ihn manchmal Hoffnungslosigkeit, weil in seiner Kirche allzu viel Asche über der Glut liege. "Warum bewegt sie sich nicht? Haben wir Angst? Angst statt Mut? Wo doch der Glaube das Fundament der Kirche ist."
Als Letztes bleibt einem Christen immer noch die Hoffnung auf den "Meister des Unmöglichen". So nannte der Theologe Peter Hünermann den Heiligen Geist.
Features
Lexikon
Ein Konzil ist eine Versammlung von Bischöfen und anderen für die Kirche wichtigen Personen, um in strittigen Angelegenheiten des Glaubens und der kirchlichen Disziplin Beschlüsse zu fassen. Konzilien hat es viele gegeben, doch die römisch-katholische Kirche anerkennt nur eine Reihe von 21, die mit dem Ersten Konzil von Nikäa im Jahr 325 (im Bild rechts) beginnt und mit dem von Papst Johannes XXIII. (links im Bild) einberufenen zweiten Vatikanum (1962-1965) endet. Als "ökumenisch" wird ein Konzil dann bezeichnet, wenn seine Beschlüsse vom Papst bestätigt werden und für die ganze katholische Kirche verbindlich sind. KK(2)
Zeittafel
25. Jänner 1959: Ankündigung des Konzils durch Papst Johannes XXIII. in der römischen Basilika Sankt Paul vor den Mauern.
5. Juni 1960: Einsetzung von zehn Vorbereitungskommissionen.
11. Oktober 1962: Konzilsbeginn. Erste Sitzungsperiode bis 8. Dezember 1962.
3. Juni 1963: Johannes XXIII. stirbt. 21. Juni 1963: Wahl von Paul VI. Er beruft das Konzil für den Herbst wieder ein.
5. Jänner 1964: Paul VI. trifft den ökumenischen Patriarchen Athenagoras in Jerusalem.
18. Mai 1964: Errichtung des Sekretariats für die nicht christlichen Religionen.
8. April 1965: Das Sekretariat für Nichtgläubige wird ins Leben gerufen.
7. Dezember 1965: Paul VI. und Athenagoras heben die gegenseitige Exkommunikation auf. Erstmals seit dem Bruch des Jahres 1054 rücken Ost- und Westkirche einander wieder näher.
8. Dezember 1965: Feierlicher Abschluss des Konzils.












