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Zuletzt aktualisiert: 30.09.2012 um 05:57 UhrKommentare

Und schuld ist immer der Mond

Haben Sie es schon gespürt? Es ist Vollmond. Klischees rund um den Mond-Einfluss auf Mensch und Tier unter der Luna-Lupe. Was ist Mythos und was ist Wahrheit?

Foto © AP

Zwei Monde, da soll sich noch einer auskennen. Der eine strahlt mit voller Inbrunst als lunare Riesentaschenlampe vom Himmelszelt, der andere frontal mit 200 Watt mitten ins Gehege. Am anderen Ende der Taschenlampe steht Biologin Beate Übelleitner, die in dieser Vollmondnacht ein kleines Grüppchen nachtaktiver Besucher bei der Mondscheinführung durch den Tierpark Herberstein lotst. "Jetzt gemma nach Australien", ruft sie resch. Die Truppe folgt - wie es sich im Tierreich gehört - im Gänsemarsch zu Känguru und Emu. Danach geht's zum "Interview" mit einem Tapir. In der Ferne heulen die Timberwölfe ihren Blues. Fast schon zu viel Klischee.

Und von denen gibt es rund um den Vollmond auch im Reich der Menschen so einige. Aggressiv, schlaflos, nervös und streitsüchtig soll er machen, der Vollmond. So steht's zumindest für den heutigen Sonntag im Mondkalender. Doch was ist Mythos und was ist Wahrheit? Josef Smolle, Rektor der MedUni Graz, wollte es vor einigen Jahren ganz genau wissen und ließ die Zahlen sprechen. 14.000 Krankenakten und 11.000 Notarzteinsatzprotokolle hat er unter die Luna-Lupe genommen. Smolle: "Es wird immer kolportiert, dass der Mond Einfluss auf die Wundheilung habe oder dass bei Vollmond mehr Unfälle passieren. Ich kann jetzt sagen, dass das wissenschaftlich nicht nachweisbar ist."

Im nächtlichen Herberstein hat der Mond sehr wohl Einfluss. Auf Seal und Valerie etwa, die beiden Pumas, die tagsüber so gut wie nie zu sehen sind. Bei Vollmond aber kommen sie aus ihren Verstecken, Marke "Tarzans Abenteuer". Weil sie wissen, dass zur Mondscheinführung auch immer ein extrafrischer Mitternachtssnack bereitsteht. Romantisch, praktisch, gut. Schön kitschig küssen sich derweil die Lamas im Nachbargehege im Mondschein.

Legenden der Leidenschaft

Auch die Legende, wonach es zu Vollmond bei den Menschen mehr Geburten gibt als an anderen Tagen, wurde mittlerweile widerlegt - dafür wurden österreichweit nicht weniger als 2,76 Millionen Geburten während 371 Mondzyklen zwischen den Jahren 1970 und 1999 analysiert.

Die Emus in Herberstein beeindruckt diese These weniger. Die Emu-Männchen lassen ihre Partnerinnen in Vollmondnächten genauso kalt wie an herkömmlichen Tierparkabenden. Emuzipation. Auch die Löwen Simba und Brutus schlafen wie zwei Schmusekätzchen in ihrem von dicken Glasscheiben von der Außenwelt abgetrennten Gehege. Und das, obwohl die beiden Raubkatzen einen driftigen Grund hätten, grantig und aggressiv zu sein. Heute war Fasttag.

Bei der Landesleitstelle des Roten Kreuzes richtet man sich heute jedenfalls auf eine turbulente Nacht ein, bestätigt eine Sprecherin. "Unsere Sanitäter haben in Vollmondnächten eindeutig mehr zu tun als sonst."

Die Kunst der Verdrängung

Auch bei der Polizei werfen die Kollegen bei der Diensteinteilung ein Auge auf die aktuelle Mondphase, erklärt der Grazer Stadtpolizeikommandant Kurt Kemeter: "Im Dienstjargon sagen wir an besonders anstrengenden Abenden: 'Heute muss wieder Vollmond sein.'" Josef Smolle hingegen hat eine logische Erklärung für die hartnäckigen Weisheiten und Mythen rund um den Einfluss des Mondes auf den Menschen. "Wenn wir an etwas glauben wollen, merken wir uns nur die Sachen, die dafürsprechen. Was nicht ins Bild passt, verdrängen wir."

Doch warum hat sich gerade rund um den Vollmond ein semiwissenschaftlicher Wirtschaftszweig entwickelt, der in Buchhandlungen ganze Ratgeber-Abteilungen füllt, der vom Garteln im Sinne der Mondphasen über Mond-Christbäume bis zum Beruf des Mondberaters reicht? Für Smolle liegt die Erklärung in der der Gewissheit, dass der Vollmond alle 29,5 Tage wiederkommt, egal was auf der Welt passiert: "Wir mögen Mondregeln wegen der Regelmäßigkeit, nach der wir uns richten können."

Ganz regelmäßig planlos tigern auch die Gürteltiere nächtlich durch ihr Wohnzimmer hinter Glas. "Das ist aber immer so, sie sind nachtaktiv", sagt die Tierpflegerin. Schlaflos in Stubenberg.

Auch so mancher Mensch pflügt sein Bett in hellen Nächten, weil er sich schlaflos hin und her wälzt. Sündenbock? Vollmond. Doch auch diese Volksthese wurde von der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin in Innsbruck widerlegt. "Wahrscheinlich liegt es daran, dass es in Vollmondnächten heller ist", so vermutet Josef Smolle. Übrigens: Auch Schlafwandler gehen mit der Zeit. Laut dem Psychologen Volker Faust folgen Schlafwandler nämlich heutzutage eher Leuchtreklamen als dem Mond.

ULRICH DUNST, CARMEN OSTER

Zwischen Esoterik und Wissenschaft

Mondphase. Von Vollmond bis Vollmond dauert es 29 Tage, 12 Stunden und 44 Minuten. In dieser Zeit durchläuft er die vier Phasen Vollmond, abnehmend, Neumond, zunehmend. Am Sonntag, den 30.9.2012 um 5 Uhr war wieder Vollmond.

Gravitation. Es gibt zwei Einflüsse des 385.000 Kilometer von uns entfernten Mondes auf die Erde, die selbst hartgesottene Naturwissenschaftler nicht abstreiten: die Gravitation, die für Flut und Ebbe in den Meeren verantwortlich ist, und das Licht, das der Mond von der Sonne reflektiert.

Krebs. Dann gibt es Beobachtungen, wonach Pfeilschwanzkrebse den flutbedingten höheren Wasserstand bei Vollmond nutzen, um ihre Eier an Land abzulegen.

Zweiteilung. Doch wenn's um den Einfluss auf Menschen oder Pflanzen geht, beginnt die lunare Zweiteilung der Gesellschaft.

Astrologie. Vor allem in Mondkalendern gibt es oft die Verbindung zur Astrologie - die Autoren stellen oft Querverbindungen zwischen menschlichen oder pflanzlichen Geschehnissen und dem Stand des Mondes in Tierkreis-Konstellationen her.

Operation. Zum Beispiel gelten Kieferoperationen im Zeichen des Stieres als ungünstig.

Mondholz. Bauholz wird oft nach Mondregeln gefällt: Holz, das zu Beginn des abnehmenden Mondes geschlägert wird, soll dichter und weniger empfindlich sein. Immer mehr Christbaumverkäufer schneiden ihre Bäume nach einer alten Volksweisheit drei Tage vor dem elften Vollmond des Jahres. So sollen die Nadeln länger halten.

Wer möchte, dass seine Haare schnell und lang wachsen, soll sie bei zunehmendem Mond schneiden, heißt es.

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