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Zuletzt aktualisiert: 08.09.2012 um 21:16 UhrKommentare

Stiller Protest am Grab des Wildschützen

Vor 30 Jahren starb Wilderer Pius Walder aus Innervillgraten durch einen Schuss aus dem Hinterhalt. Beim Gedenken zum 30. Todestag gab es keine Rachegelüste, es wurde still angeklagt.

Roland Girtler mit Hermann Walder am Grab des erschossenen Wilderers am Friedhof von Kalkstein. Für Girtler war Pius Walder ein Ehrenmann, sein Tod glatter Mord

Foto © RuggenthalerRoland Girtler mit Hermann Walder am Grab des erschossenen Wilderers am Friedhof von Kalkstein. Für Girtler war Pius Walder ein Ehrenmann, sein Tod glatter Mord

Kalkstein am Ende des Villgratentales - für viele ist hier der Herrgottswinkel von Osttirol. Es ist der 8. September 2012: Der Herrgottswinkel ist geschmückt mit Fülle und Farbe des Spätsommers. Geläute ertönt, Glocken rufen zur Messe. Das kleine Gotteshaus und der Friedhof sind voll mit Menschen. Dialekte verraten, sie kommen von überall her. Ihre Anwesenheit hat einen Grund: Zum 30. Mal jährt sich der Todestag von Pius Walder, dem Wildschützen, der auf der Flucht vor Jägern durch eine Kugel starb. 30 Jahre wird die Geschichte um den Wilderer lebendig gehalten.

Gedenkmessen für Pius Walder gab es in den vergangen Jahrzehnten viele. Die meisten waren mit Eklats verbunden. Hermann Walder, der Bruder des erschossenen Wilderers, schwor an dessen offenem Grab einst Rache. Seit 30 Jahren hadert er mit der Justiz, mit dem Urteil für den Todesschützen und mit Pfarrern, die Gedenkmessen für Pius scheuten. Anno Schulte-Herbrüggen zelebriert diesmal die Jahrestagsmesse. Versöhnlich sind seine Worte. Nur einmal hebt er die Stimme: "Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden." Kurz wechseln Messebesucher Blicke. Der Gottesdienst ist vorbei. Die Menschen scharen sich um die Grabstätte von Pius Walder. Wortlos ist Hermann Walder. Keine geballte Faust streckt er gen Himmel. Er wettert nicht gegen das Unrecht und er verdammt niemanden.

"Pius war ein Ehrenmann"

Diesmal übt er stillen Protest - durch Inszenierung. Tafeln am Grab, Zettel, Kerzen, seine Krawatte, seine Jacke: Pius ist überall, und überall sind anklagende Worte niedergeschrieben. Mittendrin ein bekanntes Gesicht: der Soziologe Roland Girtler. Er stellt sich an das Grab und ergreift das Wort: "Pius war ein Ehrenmann. Er war ein klassischer Vertreter des Wilderns, das aus Not und Leidenschaft erfolge. Und Pius hielt sich an den Ehrenkodex - man schießt nicht auf alles und man geht nicht auf Jäger los." Dann hallt ein Lied über den Friedhof: "Der Wildschütz Pius" - seine letzten Stunden, eine Ballade. Hermann Walders Mundwinkel zucken, nass glänzt es in seinen Augen ...


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