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Zuletzt aktualisiert: 02.09.2012 um 12:00 UhrKommentare

Kardinal Martini: Kirche 200 Jahre hinter ihrer Zeit

Ehemaliger Papst-Kandidat Kardinal Carlo Maria Martini ruft im letzten Interview vor seinem Tod zur Modernisierung der Kirche auf. "Die Kirche muss einen radikalen Prozess des Wandels beginnen, angefangen beim Papst und den Bischöfen", fordert er.

Foto © Reuters

Der frühere Erzbischof von Mailand, Kardinal Carlo Maria Martini hat vor seinem Tod dazu aufgerufen, die katholische Kirche endlich zu modernisieren. "Die Kirche ist 200 Jahre hinter ihrer Zeit. Warum wachen wir nicht auf? Haben wir Angst?", sagte er im letzten Interview vor seinem Tod, das die italienische Tageszeitung "Corriere della Sera" am Samstag publizierte. Kardinal Christoph Schönborn würdigte Martinis Wirken über die Grenzen der Kirche hinaus.

Martini, der am Freitag 85-jährig an den Folgen der Parkinson-Krankheit gestorben war, galt lange als Hoffnung des progressiven Flügels der katholischen Kirche für das Amt des Papstes. Auch aufgrund seiner Erkrankung schwanden seine Chancen gewählt zu werden jedoch zunehmend, 2005 entschloss sich die Konklave schließlich für den heutigen Papst Benedikt XVI.

Die Kirche sei heute pompös und bürokratisch und dabei, die kommende Generation zu verlieren: "Unsere Kultur ist in die Jahre gekommen, unsere Kirchen sind groß und leer, die kirchliche Bürokratie nimmt zu, unsere Rituale und Gewänder sind pompös", zog Martini im Interview mit dem österreichischen Jesuitenpater Georg Sporschill Bilanz.

Es sei an der Zeit, die katholische Kirche für neue Familienformen, wie etwa wiederverheiratete Geschiedene zu öffnen: "Eine Frau wird von ihrem Ehemann verlassen und findet einen neuen Partner, der sich um sie und ihre Kinder kümmert. Eine zweite Liebe folgt. Wird diese Familie diskriminiert, wird nicht nur die Mutter ausgegrenzt, sondern auch ihre Kinder." So verliere die Kirche die zukünftige Generation. Die Frage, ob solche Paare die Kommunion empfangen dürfen, müsste umgekehrt werden: "Wie kann die Kirche denjenigen in komplexen familiären Situationen mit der Kraft der Sakramente helfen?". Die Sakramente seien kein Mittel für die Disziplin, so Martini laut Kathpress in dem Interview zwei Wochen vor seinem Tod.

"Die Kirche muss ihre Fehler eingestehen und einen radikalen Prozess des Wandels beginnen, angefangen beim Papst und den Bischöfen", forderte der ehemalige Mailänder Kardinal. Auch die bekanntgewordenen Fälle von Kindesmissbrauch innerhalb der katholischen Kirche würden dies nötig machen.

Kardinal Christoph Schönborn würdigte am Sonntag die Bedeutung Martinis Wirken weit über die Grenzen der Kirche hinaus. Besonders beeindruckt habe ihn der Dialog des ehemaligen Erzbischofs mit den Agnostikern, sagte Schönborn laut Kathpress im italienischen Castel Gondolfo. Er erinnere sich dankbar an die verschiedenen Begegnungen mit Martini, sagte der Wiener Erzbischof demnach, und sei dankbar dafür, dass er "zahllosen Menschen Freude an der Bibel gemacht hat und vielen das Wort Gottes erschlossen hat".

Schönborn hielt sich anlässlich des jährlichen Treffens des Schülerkreises von Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI, in Castel Gondolfo auf. Wie auch Papst Benedikt XVI zählt Schönborn zum konservativen Kreis der katholischen Kirche.


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