Selbstmord im Schlafzimmer
In den USA sorgen zwei kontroverse Bücher über jene Nacht für Aufregung, in der US-Soldaten Bin Ladens Haus in Pakistan stürmten. Nur ein Unfall habe die Welt überhaupt von dem Einsatz erfahren lassen – und der meistgesuchte Terrorist könnte sich selbst erschossen haben, berichtet ein Augenzeuge. Von Sebastian Krause.

Foto © Reuters
Die Geschichte, wie Osama bin Laden in der Nacht auf den 2. Mai 2011 seinen Tod fand, ist eine, die je nach Erzähler anders klingt. Glaubt man dem US-Journalisten Richard Miniter, hätte die Welt nie davon erfahren sollen, was in jener Nacht wirklich passierte. Denn die USA hatte sich mit Pakistan bereits darauf geeinigt, der Welt die Geschichte ein wenig anders zu erzählen: Der ein Jahrzehnt lang gesuchte Terrorpate sollte demnach bei einem Drohnenangriff umgekommen sein – ein Navy-Seals-Team würde lediglich zum Bergen der Leiche entsandt werden. Dass die Welt die Geschichte doch anders zu hören bekam, lag lediglich an einem technischen Gebrechen: Als einer der beiden streng geheimen Stealth-Helikopter beim Einsatz in den Vorgarten stürzte, ließ sich die Wahrheit über den Einsatz nicht länger verheimlichen.
Zwei Bücher, die sich mit dem Tod des meistgesuchten Terroristen und Drahtzieher der Anschläge vom 11. September befassen, sorgen derzeit in den USA für Wirbel. Der renommierte Journalist Richard Miniter, der auch für die "New York Times" und die "Washington Post" arbeitete, berichtet in seinem gerade erschienenen Werk ("Leading from Behind“) von den eingangs beschriebenen Vorgängen hinter den Kulissen, die dem Angriff auf Bin Laden vorrausgingen. Miniter, der sich auf Quellen aus CIA und Militär beruft, glaubt an die Hilfe Pakistans bei der Flucht Bin Ladens – und an einen Verrat. Das Grundstück, auf dem der Terrorist mit seinen Gefolgsleuten Zuflucht fand, soll einer pakistanischen Militärakademie gehört haben. Erst der Tipp eines pakistanischen Generals an US-Geheimdienste soll die Weltmacht auf die Spur Bin Ladens geführt haben. Dass man sich auf die Geschichte vom Drohnenangriff geeinigt habe, könnte für die Mächtigen am Hindukusch nun zur Blamage werden: Bislang stritt Pakistan stets ab, überhaupt von des Anwesenheit Bin Ladens gewusst zu haben.
Selbstmord-These
Noch brisanter ist das Buch eines Mannes, der von sich behauptet, einer der Navy-Seals gewesen zu sein, die in jener Nacht Bin Laden töteten – ober eben nicht. Denn glaubt man den Schilderungen des Soldaten, habe Bin Laden womöglich Selbstmord begangen, noch bevor er von der Spezialeinheit gestellt wurde. "Bevor wir den Raum, sein Schlafzimmer, betraten, hörte ich Schüsse", zitiert die US-Onlinezeitung "Huffington Post" aus dem Buch ("No Easy Day"), das erst am 4. September erscheint, aber der Zeitung schon jetzt von einem Buchhändler zugespielt worden sein soll. Bin Laden sei bereits tot oder zumindest schwer verletzt gewesen, als die Soldaten sich entschlossen, noch einmal auf seine Brust zu feuern, so die unterschiedlichen Interpretationen der umstrittenen Textpassage. "Er wollte gar nicht kämpfen", schreibt der Soldat, der eigentlich unter dem Pseudonym Mark Owen bekannt werden wollte. "Als wir ihn fanden, war er unbewaffnet und umgeben von seinen Frauen" - ob sich Bin Laden zuvor in einem anderen Raum selbst verletzt, oder von einem Leibwächter oder einer seiner Frauen angeschossen wurde, bleibt bislang unklar. Der US-Sender Fox News enttarnte den Autor als den 36-jährigen Mark Bissonnette. Auf einschlägigen Internetseiten fordert Al-Kaida bereits die Ermordung des Soldaten.
Bislang hatte es in Berichten stets geheißen, Bin Laden sei im Kugelhagel der US-Soldaten gestorben. Bissonnette erzählt die Geschichte jener Nacht jedoch anders: "Der Einsatz wird beschrieben wie in einem schlechten Action-Film". So habe es keine halbstündige Schießerei gegeben, diese wurde erst im Nachhinein erfunden, um Präsident Barack Obama als mutigen Entscheidungsträger darzustellen. Hier findet sich auch der gemeinsame Nenner beider Bücher: Weder Bissonnette noch Miniter halten sich mit Kritik an Obama zurück: Laut Miniter war Obama ein "Feigling", der den Geheim-Einsatz drei Mal zuvor abgesagt habe – erst Außenministerin Hillary Clinton konnte ihn letztendlich überreden. Zudem zerreißt der Journalist nahezu alle Entscheidungen Obamas aus den letzten vier Jahren in der Luft.
Angriff auf Obama?
"Wir alle kannten den Deal", schreibt auch Bissonnette über den Einsatz. Es sei den Soldaten bewusst gewesen, dass Obama ihren Erfolg als seinen Sieg verkaufen würde. "Uns war klar, dass wir dafür sorgen sollten, dass er wiedergewählt wird". Die als streng republikanisch geltenden Navy-Seals hatten damit naturgemäß ein Problem – steckt dahinter auch das wahre Ziel der beiden Veröffentlichungen?
In Kommentaren der US-Presse wird der Wahrheitsgehalt der Bücher angezweifelt. Geldgier und Medienrummel werden als Motive vermutet - manche sehen gar eine gezielte Attacke auf die Wiederwahl Obamas.













