Der Realist, der träumen lehrte
Mit dem Tod von Neil Armstrong verlor die Welt einen der größten Helden, den sie je hatte. Der bescheidene Ingenieur entwarf auch einige unserer Träume - und hinterließ 1969 nicht nur seine Fußabdrücke am Erdtrabanten: Würdigung eines Astronauten, der ohne Hochmut hoch geflogen ist. Von Thomas Golser.

Foto © ReutersNeil Alden Armstrong (1930-2012)
So wie die Menschheit als solche offenbar nicht anders kann, als sich gegenseitig Barrieren zu stecken und die Köpfe einzuschlagen, konnte auch er nicht anders: Schon in den 1950er-Jahren stand dem nun 82-jährig verstorbenen Neil Armstrong der Sinn danach, Grenzbereiche neu auszuloten und Flüge mit extremen Gefahren zu wagen: Die Bell X-1 war nur eines von vielen Raketenflugzeugen, mit denen er als junger Testpilot das damals technisch Machbare wagte. 1968 kam er fast ums Leben, als das instabile Mondlandungs-Trainingsgerät abschmierte. Dass er am 21. Juli 1969 schließlich das finale Manöver vor dem Aufsetzen auf der Mondoberfläche selbst in die Hand nahm und sich bei der Auswahl des Landeplatzes nur auf seine eigenen Fähigkeiten verließ, als er die gesamte Menschheit vertrat: Es war folgerichtig und sagt bis heute viel über ihn aus.
Ohne Hochmut hoch geflogen
In keinem einzigen Moment in all den Jahrzehnten nach seiner Mondlandung ließ Armstrong - den so oft als menschliches Abfallprodukt auftretenden – Hochmut erkennen. Das Apollo-Projekt war ein monumentales, mutiges Projekt, das eine ganze Nation über ein Jahrzehnt beschäftigte. Hunderttausende arbeiteten an ihm - und die ganze Welt war in seinen Bann gezogen (jedenfalls jener Teil, der über grieselige Fernsehbilder "mit dabei" war). So wackelig, zerbrechlich und beinahe improvisiert die Mondlandefähre "Eagle" nach heutigen Maßstäben wirken muss, so unverrückbar blieb die Strahl- und Symbolkraft des gesamten Programms bis jetzt. All jene halbseidenen Mutmaßungen, man sei nie am Mond gelandet, sind bereits hundertfach widerlegt worden: Erst vor wenigen Jahren funkte die Mondsonde "Lunar Reconnaissance Orbiter" detaillierte Aufnahmen der Landestellen von Apollo 11, 14, 15, 16 und 17. Spätestens damit dürften die recht hartnäckigen Verschwörungstheorien endlich nur noch als "Verblödungstheorien" durchgehen.
Im Dezember 2012 ist es bereits 40 Jahre Menschheitsgeschichte, dass zum letzten Mal ein Erdenbürger am bleichen Trabanten über uns die Aussicht und die auf ein Sechstel der Erde verminderte Schwerkraft erlebt hat: Eugene Cernan war als Kommandant von Apollo 17 der bislang letzte Mensch auf dem Mond und trat am 14. Dezember 1972 die weite Heimreise an. Seitdem hat die Menschheit Missionen bis zum Mars geschickt (der Rover "Curiosity" ist derzeit dort auf Spurensuche), ihre Grenzen auch in die falsche Richtung weiter ausgelotet und es vor allem zur unrühmlichen "Perfektion" im Führen von Kriegen auf ihrem Heimatplaneten gebracht. Die USA – heute nicht selten als "Weltpolizist" in Verruf – kosteten die Apollo-Missionen damals etwa 25 Milliarden Dollar, was etwa 120 Milliarden Dollar nach aktueller Rechnung entspricht. Für Rüstung geben sie heute ein Vielfaches davon aus. Jahr für Jahr, Menschenleben für Menschenleben.
Doch so wie – fehlende Atmosphäre sei Dank – die Fußabdrücke von Armstrong und der elf anderen Männer, die von 1969 bis 1972 auf dem Mond waren, dauerhaft bleiben werden, so unverrückbar ist auch seine Leistung für die Menschheit. Dass ihm seine eigene Unterschrift nicht wichtig war und die Geschäfte, die damit betrieben wurden, verhasst waren, ist da nur logisch. Seine Signatur ist in den Geschichtsbüchern und in etwa 385.000 Kilometer Entfernung zu finden. Nicht alle, die am Mond waren, kamen danach mit ihrer irdischen Rolle zurecht. Einige fanden ihr Heil in der Religion, andere trügerische Zuflucht im Alkohol. Armstrong wählte selbst die Zurückgezogenheit und gab damit den Blick auf seine eigentliche Leistung, nicht auf seine eigene Person frei.
Fußabdrücke als Unterschrift
Wer das gleichermaßen eindrucksvolle wie unprätentiöse Leben und Wirken von Armstrong inklusive der Apollo-Missionen (der zweite Mann am Mond, NASA-Kollege Edwin "Buzz" Aldrin lebt übrigens noch) nachzeichnen will, hat dazu mittlerweile in vielen Büchern und etlichen Dokumentationen die Gelegenheit. Sie zeigen ihn als zwar äußerlich alt gewordenen, aber geistig noch immer höchst regen und stillen Pionier der Raumfahrt. "For All Mankind" ist ein 1989 erschienener, besonders gelungener Film, der ohne Erzähler auskommt, dafür Bilder und Originalzitate für sich sprechen lässt.
Dass seine Familie sich wünscht, ihm bei sternenklarer Nacht mit einem Blick nach oben zu gedenken, ist ein ganz wundervoller Tribut - und wohl im Sinne des "Mondmannes". Falls Ihnen danach ist: Das "Mare Tranquillitatis", also das Mondmeer, in dem Armstrong aufsetzte, befindet sich auf der rechten, für uns sichtbaren Seite im oberen Drittel.













