Verstehe einer die Jugend!
"Pyro" oder "rogge": Beeinflusst durch Technik, Migration und Populärkultur kreiert die Jugend munter ihre eigene Sprache. Eine Übersetzung.

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Du bist ja rogge! Voll pyro! Und so pornorös, durch und durch elephantös, gleichzeitig erdig und froggy! - Sollte Ihnen jemand, der halb oder gar nur ein Viertel so alt ist wie Sie, eines dieser Adjektive hinterherrufen, keine Sorge. Dabei handelt es sich um Komplimente. Ehrlich.
Also: "Rogge" hat nichts mit trockenem Roggenbrot zu tun, sondern heißt total toll, "pyro" gigantisch, "pornorös" steht für cool, "elephantös" meint großartig, "erdig" cool und "froggy" ließe sich mit ausgelassen übersetzen.
Das behaupten zumindest die "Jugendsprache"-Lexika renommierter Verlage wie Langenscheidt und Pons, die pünktlich im Sommer auftauchen wie Gelsen an stehenden Gewässern und seit einigen Jahren auch Jugendwörter des Jahres wählen. 2011 gewann "Swag", was so viel bedeutet wie beneidenswerte, lässige Ausstrahlung. Alles Geldmacherei und Marketing - wittert Soziologe Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung in Wien: "Alleine der Begriff Jugendsprache impliziert, dass es die eine homogene Jugend gebe." Aber die Jugend ist heterogen.
Bindet und verbindet
Sprachgewohnheiten, Begriffe oder Phrasen werden in erster Linie von Mitgliedern einer bestimmten Gruppierung gesprochen. "Sie sind ein identitätsstiftendes Element, regional unterschiedlich und weisen Menschen als Experten für diese Gruppe aus", sagt Ikrath. Das bindet und verbindet.
JUGEND-ABC
A wie abpixxeln: verschwinden oder abhauen
B wie Blümchenkiller: Vegetarier
C wie chillaxen: Mix aus chillen und relaxen
D wie Dudelrechteck: iPod
E wie elephantös: großartig
F wie froggy: verrückt, ausgelassen
G wie Gartensalami: Gurke
H wie Hade: ciao, baba, tschüss
K wie kontakten: kontaktieren
L wie lurchen: sich ausruhen
M wie Millimeterficker: Schlaumeier
N wie Nebengeräusch: Freund/in
R wie rolexen: angeben
R wie rogge: total toll
P wie PP: persönliches Pech
S wie smirten: Flirten beim Rauchen
S wie Strottel: Streber und Trottel
T wie Taube: Mädchen
U wie U-Haft: Schule
V wie Vertreterschal: Krawatte
W wie wulfen: z. B. auf Kosten anderer leben
Z wie Zornröschen: Zicke
In der Skaterszene dominieren seit jeher englische Slangausdrücke. Im Gegensatz kämpfen rechte Gruppierungen darum, englische Wörter wieder einzudeutschen. Ihre Vorschläge: T-Hemd statt T-Shirt oder Zusammenzähler statt Computer. Im Oktober brachte die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) in Sachsen sogar einen Antrag in den Landtag ein, der deutsche Begriffe den englischen oder "denglischen" (Mix aus Deutsch und Englisch) vorzuziehen hätte. Der grüne Abgeordnete Miro Jennerjahn konterte in einer Rede mit Lehnwörtern, die Deutsch übernommen hätte, das Video "Deutschunterricht für die NPD" wurde zum Youtube-Hit.
Facebook-Vergewaltigung
Was machen Jugendwörter mit der deutschen Sprache? Gefährden Werbeslogans wie "Da werden Sie geholfen" die deutsche Sprache? "Nein, Sprache ist lebendig, permanent Veränderungen und Variationen unterworfen", sagt der Germanist und Sprachwissenschaftler Arne Ziegler von der Uni Graz. In seiner Jugend hätten Wörter wie "cool" oder "geil" aufgeregt. Heute würden - nach einem gleichnamigen Lied von Deichkind - auch Erwachsene unken: "leider geil".
"Jugendsprachlichkeit ist Mediensprachlichkeit", sagt Ziegler. Die Hochfrequenz-Nutzung digitaler und sozialer Medien hat - gerade in dieser Altersgruppe - Eingang in die Schriftsprache gehalten und selbst Rechtschreibprogramme haben solche Wörter bereits im Standardrepertoire.
Es wird verknappt, gemixt, wikipediert, gegoogelt, getwittert oder gefacebookt. Manchmal leider auch gefrapet. Hä? Ein "Frape" ist eine Verknappung für Facebook-Rape (Vergewaltigung) und meint Einloggen und Posten eines Fremden in einem Profil.
Gute Sprache, böse Sprache
Jugendwörter nicht zu verstehen, ist nicht gleichzusetzen mit dem gängigen Klischee, die Jugend nicht zu verstehen. Ziegler wundert sich, warum etwa französische Lehnwörter wie Canapé, Bidet, Portemonnaie oder Trottoir in einer gutbürgerlichen Gesellschaft willkommen seien und Ausdrücke der jugendlichen Realität aus Technik, Populärkultur und Migration nicht? Generationen-Übersetzungswörterbücher (siehe oben) sind eine Möglichkeit, miteinander reden wäre eine andere.
In Deutschland forscht die Initiative "Kiezdeutsch" gegen die Vorurteile des "gebrochenen Deutsch" mit migrantischem Einfluss an. Und Ziegler, der in einem Großprojekt grammatikalische Veränderungen der Sprache empirisch untersucht, schlägt vor, die mündliche Sprache der Jungen in den Deutschunterricht zu integrieren.
Übrigens: Sogar Wolf Schneider, oberste Sprachinstanz, verweist gerne auf die Vorteile von Twitter als erfrischendem Instrument, sich kurz zu halten und die Aufmerksamkeit seiner Leser nicht zu verschwenden. Apropos: Wissen Sie, welches Wort schon als Synonym fürs "Verschwenden" gebraucht wird? Griechen.











