"Jetzt habe ich erst richtig Angst"
In Ungarn werden Roma immer wieder Ziel von Angriffen. Im Rotschlamm-Dorf Devecser marschierten 1000 Rechtsextreme auf.

Foto © ReutersNach einem Nachbarschaftsstreit marschierten die Rechts- extremen auf
Das ist die zweite Katastrophe hier", sagt Alfred Király, "und sie ist die schlimmere von beiden." Wie niedergestreckt sitzt der massige Mann auf dem Sofa und blickt aus großen, erschrockenen Augen in seinem sorgfältig gepflegten Wohnzimmer umher. Bei der ersten Katastrophe vor anderthalb Jahren, als sich eine Million Kubikmeter ätzender roter Schlamm durch den Ort ergossen, wusste Alfred Király immerhin noch, was zu tun war. Mit seinen Nachbarn zusammen gründete er ein Komitee "Chance nach der Flut". Jetzt, seit die Neonazis seinen Ort entdeckt haben, fällt ihm nichts mehr ein.
Vor drei Wochen sind um die tausend Rechtsextreme aus ganz Ungarn durch den 5000-Einwohner-Ort marschiert, manche in Springerstiefeln und im Schwarzhemd, mit der Árpád-Flagge, dem großungarischen Symbol, viele junge in Turnschuhen und T-Shirt. Vor den Häusern der Roma hielt der Zug an. Sie brüllten: "Ihr müsst alle sterben!", warfen Flaschen und Steine. Versammelt hatten sie sich vor der Kirche. "Drei Möglichkeiten" hätten die Ungarn noch, rief dort László Toroczkai von der rechtsextremen Gruppe "64 Komitate": "Auswandern, Sklaven der Zigeuner werden oder kämpfen". Attila László von der paramilitärischen Garde forderte: "Der ganze Dreck muss aus dem Land gefegt werden."
Schlamm macht keine rassistischen Unterschiede
Devecser ist alles andere als ein Hotspot. Die etwa tausend Roma des Ortes leben in keinem Ghetto, sondern verstreut in den vielen geduckten Häuschen des Dorfes. Wo Roma und wo Magyaren wohnen, kann man meistens nicht unterscheiden. Die Frauen, Männer und Kinder mit dem bronzenen Teint sprechen dasselbe Ungarisch und tragen dieselbe Kleidung wie alle anderen. Devecser ist in ganz Ungarn ein bekannter Ort, seit im Oktober 2010 der rote Giftschlamm aus einem Rückhaltebecken der Aluminium-Fabrik Mál ausbrach und die umliegenden Dörfer überschwemmte. "Der Schlamm machte keine rassischen Unterschiede", sagt Alfred Király.
Dass die Roma stehlen würden oder gar aggressiv wären, hat hier in Devecser noch niemand behauptet; nicht einmal von Hühnerdiebstählen wird erzählt. Die meisten Bürger haben andere Sorgen: Sie wollen weg hier, weil sie sich vor den Giftschlammbecken fürchten, aber niemand kauft ihnen ihre Häuser ab.
Zum Operationsgebiet der Extremisten wurde der Ort erst nach einen Nachbarschaftsstreit. An einem heißen Tag Ende Juli war Rudolf Horváth, 56, Vater einer großen, alteingesessenen Roma-Familie, an den parkenden Autos vor dem Haus der Familie Bognár nicht vorbeigekommen und hatte ausdauernd gehupt. Vater Bognár, 49, kam heraus, schimpfte, Worte flogen hin und her. Zwei Tage später dann aber kam es zwischen den Horváths und den Bognárs, den Vätern und den erwachsenen Söhnen, zu einer Schlägerei. "Plötzlich" hätten die Horváth-Söhne auf ihn eingeschlagen, als er vor die Tür getreten sei, erzählt Vater Bognár. "Plötzlich" hätten die Bognár-Söhne ihm mit einer Schaufel auf den Brustkorb gehauen, erzählt Vater Horváth. Ferenc Bognár zog sich eine Fleischwunde an der Hand zu, Vater Horváth eine geprellte Rippe. Nach nur zwei Tagen war die Szene alarmiert. "Hundert Zigeuner" hätten "ehrlich arbeitende Magyaren lynchen" wollen, verkündete ein anonymer Brief auf einer Neonazi-Website.
Bürgermeister Tamás Toldi, einem soignierten Herrn um die sechzig, ist die Sache sehr unangenehm. Er hat den Aufmarsch zu verhindern versucht. "Aber das ging nicht", sagt er, denn die aufrufenden Organisationen seien ja nicht verboten. Er hat noch versucht, den örtlichen Abgeordneten der rechtsradikalen Partei Jobbik vom Mitmachen abzuhalten. Vergeblich. Toldi ist klar, dass er im Kalkül der Extremisten selbst Zielscheibe ist. Toldi gehört zur rechtskonservativen Partei Fidesz, die in Budapest die Regierung stellt. Jobbik und die anderen Extremisten lassen keine Gelegenheit aus, Fidesz in der "Zigeunerfrage" vor sich her zu treiben.
Zum Aufmarsch, zu den Morddrohungen, den Steinen hat jedenfalls niemand öffentlich etwas gesagt - kein Ortsgewaltiger, auch nicht der neue Pfarrer, und das, obwohl hier fast alle, Roma wie Magyaren, katholisch sind. "Erst jetzt habe ich richtig Angst", sagt Alfred Király.











