Jugend: "Nach mir die Sintflut"
"Jeder denkt zuerst an sich selbst, die Kraftreserven werden vom Kampf um den eigenen Vorteil aufgebraucht", erklärt der Jugendkulturforscher Bernhard Heinzlmaier. Idealistische Motive seien von gestern.

Foto © Fotolia/OllyWohin geht der Weg?
Es ist keine leichte Zeit für die Jugend Europas. Auch in Österreich finde man derzeit eine Jugend vor, die sich verbissen an die eigenen Träume klammere, aber die gesellschaftlichen Bedingungen durchgehend negativ einschätze, erklärt Bernhard Heinzlmaier, Vorsitzender des Wiener Instituts für Jugendkulturforschung, im Gespräch mit der APA. Der eigene Nutzen stehe im Vordergrund. Diesen eingeschränkten Blick auf sich selbst nennt Heinzlmaier, der am Mittwoch beim Fachhochschulforum Alpbach referiert, "pragmatischen Individualismus" und sieht ihn ihm auch eine der Triebfedern für die weltweiten Protestbewegungen.
"Nach mir die Sintflut" - so könne man derzeit die Einstellung der Mehrheit der Unter-30-Jährigen in Österreich beschreiben, so Heinzlmaier. Am Werk sei eine Form des "pragmatischen Individualismus", bei der jeder zuerst an sich selbst denke. Das Nützlichkeitsdenken beginne bereits an Bildungseinrichtungen wie Universitäten oder Fachhochschulen, die einer zunehmenden Ökonomisierung unterworfen seien: "Kraftreserven werden vom Kampf um den eigenen Vorteil aufgebraucht und bleiben so dem Gemeinwesen vorenthalten", erklärt Heinzlmaier. Statt kritischer Selbstreflexion und Autonomiestreben trete verbissener und blinder Fleiß in den Vordergrund. Das betreffe viele Lebensbereiche: "Man vernetzt sich mit jenen, die dem Erreichen der persönlichen Ziele dienlich sind", meint der Jugendkulturforscher.
Keine persönlichen Vorteile - dann auf die Barrikaden!
Was passiert jedoch, wenn gut ausgebildete Jugendliche, die sich seit Jahren anpassen und unterordnen, plötzlich merken, dass sie dafür keine Belohnung erhalten? Sie werden von angepassten Mitmachern zu rebellischen Protestteilnehmern: "Der pragmatische Individualist passt sich dann an, wenn er dafür persönliche Vorteile realisieren kann. Werden ihm diese vorenthalten, steigt er auf die Barrikaden", ist Heinzlmaier überzeugt. Der Staat könne seine Versprechen nicht halten. Die Folge seien weltweite Protestbewegungen wie "Occupy" oder die Indignados in Madrid.
Diese Proteste und ihre freien, demokratischen Ausdrucksformen seien aber zum Großteil keineswegs idealistisch motiviert. Die jungen Menschen würden schlicht auf die Modalitäten mit den größten Erfolgsaussichten setzen, so Heinzlmaier. Motivation seien fast immer materielle Interessen wie Sorge um den Arbeitsplatz oder die persönliche Zukunft. Allerdings verändere die aktive Teilnahme an gemeinschaftlichen Protesten diese Einstellungen. Langsam entstehe "ein Bewusstsein, das die politischen und ökonomischen Zusammenhänge reflektiert", meint der Jugendkulturforscher. Das wiederum sei die Grundlage für politischen Veränderungswillen.
Zusätzlich hätten die jungen Menschen vielleicht gelernt, dass es für Veränderung keiner Hierarchien und Strukturen bedarf: "Auch horizontale Strukturen können neben mehr Gerechtigkeit durchaus erfolgreiche politische Aktionen bewirken. Man könnte von Populismus von unten sprechen", meint Heinzlmaier.











