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Zuletzt aktualisiert: 12.07.2012 um 09:25 UhrKommentare

Viel Horn gegen ein wenig Hirn

"Encierro" heißt der Stierlauf, der alljährlich im spanischen Pamplona stattfindet. Dass ihn auch Ernest Hemingway in seinem Roman "Fiesta" zum ultimativen Adrenalinrausch hochstilisierte, macht ihn keineswegs weniger barbarisch und dumm: Quälen zum Spaß, Töten aus Tradition? Von Thomas Golser.

Barbarei am Strick

Foto © ReutersBarbarei am Strick

Zuerst das Positive: In Barcelona und in Katalonien im nordöstlichsten Teil Spaniens sind klassische Stierkämpfe seit heuer verboten - irgendwann fiel offenbar irgendwem auf, dass man im Jahr 2012 angekommen ist. Nicht so in Pamplona und in anderen Teilen des Landes, wo noch immer in festliches Weiß und Rot geschürzte Menschen für eine Woche einem schmerzhaft sinnfreien Treiben nachgehen: Man läuft seltsam erregt, beinahe ekstatisch völlig verstörten Kampfstieren und Leitochsen nach. Treibt sie in ihrem Fluchtreflex in die Enge. Stunden später krepieren die Tiere in einer Arena: Das Spektakel ist am Ende tödlich für die Gehörnten - und von Beginn an entlarvend für ihre Jäger.

Nervenkitzel und Rauschzustand

So der Brauch, der einer strengen Dramaturgie folgt und jeden Juli Unzählige anlockt: nicht nur aus Spanien, sondern aus aller Welt. Die Läufer ("mozos") holen sich bei jeder der für eine Woche anberaumten Jagden ihre Dosis Stresshormone ab - dazu wird die Zeit gemessen, die man für die 825 Meter lange Strecke braucht. In der Früh gibt man sich man sich ungehemmt dem Delirium der Stierläufe hin, in der Nacht vor allem dem alkoholisch angelegten Rausch. Regelmäßig ist bei Interviews mit den Teilnehmern vom seligmachenden Adrenalin die Rede, man definiert sich als "ganzer Mann" (obwohl zu einem Mann nun wahrlich andere Eigenschaften gehören und sich nebenbei bemerkt auch Frauen am "encierro" beteiligen) und sieht nur noch Rot - so wie der Stier.

Man inszeniert sich und das blutige Theater, das Ernest Hemingway schon 1926 im Roman "Fiesta" schillernd dargestellt hat. Dort wird der Stierkämpfer zwar als stolz, würdevoll, ausdauernd und mutig beschrieben - später schrieb Hemingway in einem Brief an einen Schriftsteller-Kollegen aber von "einer verdammt traurigen Geschichte". Ähnlich sieht das auch die Tierschutzorganisationen PETA, die seit Jahren gegen den Stierkampf zu Felde zieht - in Pamplona selbst gibt es immer wieder nackten Protest, für den Hunderte blutrot angemalte Aktivisten durch die Innenstadt ziehen.

Was einigermaßen erwachsene Menschen nun wirklich dazu treibt, Tiere vor sich herzutreiben, um sie dann Stunden später abzustechen, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Hatz und Hetz' sind für jene Menschen, die sich am archaischen Spektakel beteiligen, das gleiche - naturgemäß weniger für die Tiere: Tierschützer kritisieren seit Jahrzehnten, dass die Tiere, die durch die engen Straßen gejagt werden, einem enormen Stresslevel ausgesetzt sind. Nur um dann durchbohrt in einer Arena zu verenden - jährlich werden in Spanien über 40.000 Stiere getötet: Tierquälerei unter dem tatsächlich blutroten Deckmäntelchen der Tradition. Dass regelmäßig Dutzende Teilnehmer verletzt werden, im schlimmsten Fall auch mitgeschleift und von Hörnern aufgespießt werden, dürfte wenigstens Tierschützer mit einem gewissen Gefühl der Genugtuung erfüllen. Ein gewisser Teilsieg im Kampf großes Horn vs. kleines Hirn, heißt es dann: So wurden etwa im Jahr 2010 in Pamplona 376 Menschen verletzt, neun davon aufgespießt.

Trinkgelage und Prozessionen

Und dann ist da natürlich noch der "Spaßfaktor": Während des ausgedehnten San-Fermin-Festes gibt es nicht nur Stierhatz, sondern auch Konzerte, Trinkgelage - und religiöse Prozessionen. Dass das am Boden liegende Spanien gerade durch EU-Milliarden am Leben erhalten wird, dürfte das Bedürfnis sich abzulenken nicht kleiner machen. Viel zu feiern gibt es also nicht mehr, auch wenn das die deutschen Kolonien auf Mallorca etwas anders sehen mögen. Im Juni 2012 waren rund 4,6 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Fast jeder vierte Spanier in erwerbsfähigem Alter steht ohne Job da - bei Jungen unter 25 Jahren liegt die Arbeitslosenquote über 50 Prozent: Europa-Rekord.

Als längst erwiesen gilt, dass Stiere vor ihrem letzten Akt in der Arena meistens mit Elektroschocks traktiert werden, Vaseline in ihre Augen gerieben bekommen, um die Sehkraft zu trüben und mit Abführmitteln geschwächt werden. Auch Tierquälerei und Dummheit können demnach traditionell gut verankert sein: Der "Krone der Schöpfung" würde in Spanien kein Zacken aus der Krone brechen, würde sie sich besinnen und die - übrigens mit EU-Geldern geförderte - "corrida" endlich aus der Welt schaffen.

THOMAS GOLSER

San-Fermin-Fest

Während des San-Fermin-Festes werden vom 7. bis zum 14. Juli täglich um 08:00 Uhr sechs Kampfstiere und mehrere zahme Leitochsen durch die Gassen der Altstadt bis in die Arena gejagt, wo sie dann abends von Toreros getötet werden. Im vergangenen Jahr waren bei den Stierrennen 43 Menschen verletzt worden. Parallel dazu finden auch religiöse Prozessionen, Konzerte sowie Trinkgelage in den Straßen statt.

Foto

Foto © PETA

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