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Zuletzt aktualisiert: 08.07.2012 um 21:55 UhrKommentare

Der Rinderwahn von Pamplona

Zechen, rennen, bluten: Bei den jährlichen Stierhetzen zu Ehren des Stadtpatrons San Fermin in Pamplona gibt es heuer schon 160 Verletzte. Wie durch ein Wunder wurde kein Teilnehmer aufgespießt. Auch in Spanien ist das Stiertreiben mittlerweile umstritten.

Foto © AP

"Ich dachte, ich würde hier nicht mehr lebend herauskommen." Der 21-jährige Japaner Keiju ist beim Stiertreiben in Pamplona haarscharf dem Tod entkommen. Einer der Bullen hatte mit dem Horn Keijus rotes Halstuch durchstochen - der Stoß ging Millimeter an Hals und Kopf vorbei. Der Bulle schleifte Keiju mehrere Meter mit. Der Japaner hatte Glück, kam mit Prellungen davon. Und hat seine Lektion gelernt: "Ich werde nie mehr bei einem Stiertreiben mitmachen."

Keiju ist einer der 80 Verletzten, die nach der Stierhatz in der nordspanischen Stadt am Sonntag versorgt werden mussten. Er zählt zu den wenigen, die nach der Begegnung mit dem Tod genug vom wahnsinnigen Treiben haben. Die meisten Verletzten haben Prellungen, Verrenkungen und Platzwunden erlitten und sehen ihre Wunden als Tapferkeitsmedaillen. Zwei Läufer kamen schwer verletzt ins Krankenhaus. Wie durch ein Wunder wurde an diesem Tag der traditionellen Stiertreiben, die dem Stadtheiligen San Fermin gewidmet sind, kein Teilnehmer aufgespießt.

Am Vortag, an dem es ebenfalls annähernd 80 Verletzte gab, hatte jedoch einer der gereizten Stiere, die bis zu 700 Kilogramm wiegen, einen 73-jährigen Rentner aus Teneriffa auf die Hörner genommen und ihm ein Bein aufgeschlitzt. Es sei schon das zweite Mal, dass er von einem Bullen aufgespießt werde, berichtete der Mann nicht ohne Stolz im Krankenhaus.

Großes Geschäft

Noch bis zum 14. Juli werden in Pamplona jeden Morgen um acht Uhr sechs braune Kampfstiere zusammen mit sechs weißbraunen Leitochsen losgelassen und durch die Altstadt in die Arena zum Stierkampf getrieben. Mehrere Tausend "mozos", wie die weiß gekleideten Stierläufer heißen, rennen mit ihnen. Die meisten sind junge Männer, aber auch einige Frauen sind dabei. Immer wieder mischen sich lebensmüde Touristen unter die "mozos". Nach einer durchzechten Nacht sind viele nicht in bester Verfassung. "Die größte Gefahr sind die vielen Menschen auf der Straße", erzählt einer der Läufer, für den nach einer ausgekugelten Schulter die Hatz vorschnell endete.

Wenn einer stolpert, fallen gleich Dutzende. Auch gibt es immer Gerangel und Geschubse, um den Bullen sowie ihren spitzen Hörnern so nah wie möglich zu kommen und dann im letzten Moment beiseite zu springen.

Die Stiertreiben von Pamplona, die als berühmtestes Stierspektakel der Welt gelten, sind auch in Spanien umstritten. Tierschützer protestieren schon lange dagegen. Das Interesse an Stierkämpfen geht in Spanien zurück, nur noch eine Minderheit interessiert sich dafür. Aber ein Verbot der Stierhatz, die sogar vom staatlichen Fernsehen live übertragen wird, ist nicht in Sicht.

Für Pamplona ist dieses neuntägige, feuchtfröhliche Volksfest mit acht Stiertreiben ein großes Geschäft - auch wenn die Kassen wegen der Krise nicht mehr ganz so laut klingeln wie früher.

RALPH SCHULZE, PAMPLONA

Fakten

Bei den Rennen gibt es jährlich zwischen 200 und 300 Verletzte. Der letzte Todesfall ereignete sich vor drei Jahren, als ein Stier einen 27-jährigen Spanier vor der Menge der Schaulustigen aufspießte und dessen Hals, Herz und Lungen durchbohrte.

Zum Ruhm des Festes trug der US-Schriftsteller Ernest Hemingway maßgeblich bei, der es in seinem Roman "Fiesta" ("The Sun Also Rises") von 1926 beschrieb.

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