Amerika diskutiert über Rede zum Highschool-Abschluss
David McCullough Jr. hat seinen Schülern zum Ende ihrer Highschool-Ausbildung eine bewegende Abschiedsrede gehalten. Auf Youtube ist das Video ein Renner und in ganz Amerika wird über seine Worte diskutiert. Das sind die wichtigsten Passagen.

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So eine Abschlusszeremonie ist ein feierlicher Schritt ins Leben, mit einer ganz eigenen Symbolik. Dazu gehört die Festrobe, diese taillenlose Uniform in Einheitsgröße - jeder hat das Gleiche an. Und jeder hat das gleiche Diplom, alles ist gleich, bis auf den Namen. So muss es sein, denn niemand von euch ist etwas Besonderes.
Ihr seid nichts Außergewöhnliches. Auch wenn euch eure Fußballpokale etwas anderes erzählen wollen. Und ganz egal, wie oft eure Mütter wie ein rettungswütiger Batman hier eingeflogen sind - ihr seid nichts Besonderes. Oh ja, ihr seid gepampert worden, verhätschelt, umschwärmt, behütet und eingewickelt in Noppenschutzfolie. Erwachsene, die eigentlich anderes zu tun hatten, haben euch gehalten, geküsst, gefüttert, euch den Mund abgewischt, den Hintern geputzt, euch angeleitet, unterrichtet, Nachhilfe gegeben, beraten, zugehört, Mut gemacht. Ihr seid angestupst, überredet und angefleht worden. Ihr seid gefeiert und hofiert worden. Jetzt habt ihr die Highschool abgeschlossen, und alle haben wir uns nur wegen euch versammelt: Stolz und Freude unserer edlen Gemeinschaft, die ihr nun verlässt.
Aber bitte kommt nicht auf die Idee, dass ihr etwas Besonderes seid.
Das seid ihr nicht.
Hier stehen etwa 2000 Absolventen. Im ganzen Land dürften es nicht weniger als 3,2 Millionen sein von mehr als 37.000 Highschools. Das macht 37.000 Abschiedsredner, 37.000 Klassensprecher, 92.000 Chorstimmen, 340.000 Sportskanonen und 2.185.967 Paar Uggs-Stiefel. Selbst wenn einer von euch unter einer Million hervorstechen würde, dann wären auf unserem Planeten mit seinen 6,8 Milliarden Menschen immer noch fast 7000 Menschen wie er.
Wenn jeder etwas Besonderes ist, dann ist es niemand mehr. Wenn jeder eine Auszeichnung bekommt, dann gelten Auszeichnungen nichts mehr. Leider neigen wir Amerikaner mittlerweile dazu, die Auszeichnungen mehr zu lieben als die Leistung.
Tut, was ihr vorhabt, nur aus dem einzigen Grund: dass ihr es gern macht und es für wichtig haltet. Macht es euch nicht in der Gleichgültigkeit gemütlich. Schlagt euch nicht mit Arbeiten herum, an die ihr nicht mehr glauben könnt.
Widersteht den Versuchungen der Gleichgültigkeit, dem trügerischen Glitzern des Materialismus. Zeigt euch eurer Talente würdig. Und lest, lest die ganze Zeit, lest aus Prinzip, aus Respekt vor euch selber. Lest, als wäre Lektüre ein menschliches Grundnahrungsmittel. Entwickelt und schützt euer Gespür für moralische Fragen und habt genügend Charakterstärke, moralische Grundsätze auch umzusetzen.
Träumt groß. Arbeitet hart.
Träumt groß. Arbeitet hart. Denkt selbstständig. Liebt, was ihr liebt und wen ihr liebt, mit all eurer Kraft. Und geht dabei bitte mit einem gewissen Sinn für Dringlichkeit vor, denn die Uhr tickt, und es gibt nicht nur Abschlüsse, sondern auch Abschiede - nicht jedes Kapitel eures Lebens wird so freudig zu Ende gehen wie dies an diesem Nachmittag.
Das erfüllte Leben, das besondere Leben, das wirkliche Leben ist eine Leistung, und nicht etwas, das einem in den Schoß fällt, weil man ein netter Mensch ist oder weil Mama es beim Cateringservice bestellt hat.
Die Gründungsväter unserer Nation haben gelitten, um das Recht auf Leben, Freiheit und Glücksstreben zu erstreiten. Ein Recht, das euch unabweisbar zusteht, und das, so meine ich, einem nur wenig Zeit lässt, herumzuhängen und auf Youtube Papageien beim Rollschuhfahren zuzuschauen.
Erklimmt die Berge nicht, um dort eine Flagge zu hissen, sondern wegen der Herausforderung. Erklimmt die Berge, damit ihr die Welt sehen könnt, nicht damit die Welt euch sieht. Übt euch in freiem Willen und kreativen, unabhängigem Denken, und dies nicht aus Eigennutz, sondern weil ihr anderen Gutes tun könnt. Dann werdet ihr sie entdecken, diese großartige Wahrheit menschlicher Existenz: dass Selbstlosigkeit das Beste ist, was man für sich tun kann. Die schönsten Freuden des Lebens kommen nämlich erst mit der Einsicht, dass man nichts Besonderes ist. Weil es jeder ist.
Herzlichen Glückwunsch. Viel Glück. Macht aus eurem Leben, zu eurem Wohl und zu unserem, bitte etwas Außerordentliches.
Features
Zur Person
David McCullough Jr. ist der Sohn des Pulitzer-Preisträgers David McCullough, der als Autor historischer Werke bekannt ist. McCullough Junior ist Englischlehrer an der noblen Highschool in Wellesley, einem Vorort von Boston (US-Bundesstaat Massachusetts). Mit seiner Rede, millionenfach auf Youtube angeschaut, ist er auf dem besten Weg, den Vater an Berühmtheit zu übertreffen.










