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Zuletzt aktualisiert: 24.04.2012 um 22:35 UhrKommentare

Anders Breivik und das Dilemma der Medien

Die extreme Veröffentlichung des Prozesses gegen Anders Breivik setzt neue Maßstäbe. Sie ist umstritten, für viele auch schockierend, aber vermutlich die richtige Lösung.

Foto ©

Selten zuvor hat die Art einer Prozessführung die Öffentlichkeit so gespalten wie nun diese in Sachen Anders Behring Breivik. Das Gericht in Oslo hat sich für maximale Öffentlichkeit entschieden, der Angeklagte wurde stundenlang und geduldig gehört. 1400 angereiste Journalisten sorgen dafür, dass seine teils krausen Ansichten weltweite Verbreitung finden. Auf zahlreichen Internetforen wird jeder Tag bis ins Detail diskutiert.

All dies polarisiert das Publikum: Eine fast schamlos helle Bühne für einen Massenmörder sehen die einen in dem Prozess. Die anderen wiederum teilen die Auffassung der norwegischen Justiz, so öffentlich vollzogene Untaten wie Breiviks Bombenterror in Oslo und das darauf folgende Gemetzel auf der Ferieninsel mit 77 Toten müssen auch ganz öffentlich verhandelt werden.

Norwegens Ministerpräsident Stoltenberg hatte nach dem Attentat gefordert, das Land müsse "mit mehr Offenheit und Demokratie" reagieren.

Ekelschwelle

Darüber gerieten sogar die Journalisten selbst an die Ekelschwelle. Schon am ersten Prozesstag wurde in der "Tagesschau" der ARD die interne Diskussion der Redaktion darüber offengelegt, ob und wie man über den Prozess berichten soll.

Man will schließlich nicht PR für einen Massenmörder machen, kommt aber um die Informationspflicht nicht herum. Der Anspruch: Berichten, ohne voyeuristisch zu sein, ohne dem Attentäter eine Bühne für die Selbstdarstellung zu geben.

Dazu hatte sich Breivik ohnehin in seinem 1500-Seiten-"Manifest" im Internet reichlich Platz gegeben. Da schreibt er unter anderem: "Terror ist Theater, und Theater wird immer vor einem Publikum aufgeführt." Norwegens Justiz wirkt dem aber durch die Art der Prozessführung entgegen: Sehr straff, konzentriert, eindeutig im rechtsstaatlichen Rahmen, aber ohne Breivik allzu großen Spielraum zu geben. Und an Betroffene wurden Sticker ausgegeben, die sie vor Journalistenfragen schützen.

Manche norwegischen Zeitungen ekelt dennoch davor und deshalb bieten sie Internetversionen ohne Prozessberichterstattung an. Über deren tatsächliche Nutzung liegen keine exakten Berichte vor.

Eines der markantesten Kennzeichen von Diktaturen ist es, Gerichtsverhandlungen, vornehmlich politischer Art, jedweder externen Beobachtung zu entziehen. Ein starkes Signal setzte 1961 Israel dagegen, indem man die internationale Presse zum Prozess gegen den NS-Massenmörder Adolf Eichmann einlud. Die Berichterstatter erlebten ein unscheinbares Männchen mit Hornbrille, das die Journalistin Hanna Arendt zur mittlerweile legendären Formulierung "die Banalität des Bösen" anregte.

Eine Lehre aus solchen Prozessen ist also, dass ein Massenmörder (so auch Breivik) nicht so aussehen muss, wie wir uns Massenmörder vorstellen. Dass ultimative Gewalt unerkannt aus unserem Alltag hervortreten kann. Dass sogenannte Bestien bis dahin einer von uns waren.

Flucht live

Etwas anders verhielt es sich 1994 mit dem Prozess gegen den mordverdächtigen Footballstar O. J. Simpson. Schon seine Flucht in einem weißen Ford Bronco wurde von einem US-Sender vom Hubschrauber aus live übertragen. Dann entschied man sich, auch eine Live-Berichterstattung aus dem Gerichtssaal zuzulassen. Man wollte offenbar zeigen, dass auch Afroamerikaner von der Justiz keine Nachteile befürchten müssen. Es ging dabei um die gewaltsame Tötung von Simpsons Ex-Frau und ihrem Freund.

Letztlich wurde daraus ein Weihefest des Voyeurismus. Und mit dem ersten Freispruch wurde das Publikum möglicherweise Zeuge eines Justizirrtums.

Handyfotos

Im Fall Breivik ist nicht nur der Anlass ein anderer, auch die Medienwelt hat sich massiv verändert. Während in den neunziger Jahren in vielen Gerichtsverhandlungen nicht einmal Fotografen (dafür fallweise Zeichner) zugelassen waren, könnte heute niemand daran gehindert werden, Handyfotos ins Netz zu stellen bzw. Berichte zu bloggen. Einer Flut von Gerüchten, Falschzitierungen etc. wäre Tür und Tor geöffnet. So war es denn wohl die beste Lösung, alle Schleusen freiwillig zu öffnen und jedem, der es möchte, die eigene Beobachtung zu ermöglichen.

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