Eltern trauerten am Schweizer Todestunnel
Angehörige mussten die Toten von Siders in der Schweiz identifizieren. Der Autobahntunnel bleibt für die Trauernden vorerst gesperrt. Weiter Spekulationen um die Unfallursache, der Chauffeur könnte sich abgelenkt haben, weil er gerade eine CD wechseln wollte.

Foto © APAAngehörige trauern um die 28 verstorbenen Businsassen
Es war der wohl schwerste Gang ihres Lebens: Ab acht Uhr früh wurden die Angehörigen der 28 Opfer des schweren Busunglücks im Schweizer Kanton Wallis in die Leichenhalle von Siders geführt. In der dortigen Kapelle sind die sterblichen Überreste der Unfallopfer aufgebahrt, unter ihnen 22 Kinder. Wer es nicht über sich brachte, die übel zugerichteten Leichen Angesicht zu Angesicht zu identifizieren, bekam persönliche Gegenstände oder Fotos gezeigt. Die schwer geschockten Angehörigen sollten so wenig Druck wie möglich ausgesetzt werden. Auch deshalb hielt die Polizei die Presse fern.
Der Autobahntunnel, in dem der Reisebus mit 52 Insassen am Dienstagabend so schwer verunglückt war, wurde gestern erneut für den Verkehr gesperrt. Mit Blumen und Zeichnungen begaben sich Familien von Toten und Verletzten zum Unfallort auf die A9. Dort könnten die Trauernden so lange bleiben, wie es ihnen wichtig sei, sagte am Donnerstag der Sprecher der Walliser Kantonalpolizei, Renato Kalbermatten.
"Kleiner Moment der Unachtsamkeit"
Warum der Bus nach kurzer Fahrt dermaßen schwer verunglückte, blieb zunächst weiter unklar. Spekulationen, der Busfahrer habe zum Zeitpunkt des Unfalls eine CD einlegen wollen und womöglich deshalb die Kontrolle über das Fahrzeug verloren, wollte Kalbermatten nicht bestätigen. Die Aargauer Zeitung beruft sich bei dieser Hypothese auf übereinstimmende Aussagen mehrerer überlebender Kinder. Ein Lehrer aus dem belgischen Heverlee habe dem Busfahrer kurz vor dem Unfall eine DVD gebracht, berichtete auch belgische Zeitung unter Berufung auf eine Überlebende weiter. "Ein kleiner Moment der Unachtsamkeit" könne damit die Unfallursache sein.
Kritik wurde zudem über die Konstruktion der Sicherheitsnische laut, in die der Bus gekracht war. Dabei handelt es sich um eine Parkbucht in der Tunnelwand, die an einer rechtwinklig zur Straße stehenden Wand endet. "Man muss jetzt eine Maßnahme prüfen, dass es diese Wand quer zur Fahrbahn nicht mehr gibt", kritisierte der Direktor des Automobilclubs der Schweiz, Niklaus Zürcher, im Schweizer Fernsehen. Eine zur Fahrbahn hin angeschrägte Wand hätte den Aufprall des Busses vermutlich gemindert, so Zürcher. In Deutschland etwa ist diese Bauweise seit 2003 Pflicht. Ein Sprecher des Straßenbauamts kündigte eine Prüfung an.
Drei Verletzte noch in Lebensgefahr
Drei der 24 Verletzten schwebten am Donnerstag noch in Lebensgefahr. Ihr Zustand sei weiter besorgniserregend, erklärte ein Sprecher des Universitätshospitals in Lausanne, wo die Kinder behandelt werden. Dagegen sollten sechs nur leicht verletzte Kinder noch am Abend mit ihren Eltern die Heimreise antreten. Auch die ersten Leichen sollten mit dem Flugzeug nach Belgien übergeführt werden. Die Stimmung in der Region war auch am Tag nach dem tragischen Unglück gedrückt. Am Mittwochabend hatten sich dutzende Einwohner von Siders spontan zu einer Trauerkundgebung getroffen. Auch im Val d'Anniviers, wo die Kinder vor dem Unfall ihre Skiferien verbracht hatten, herrschte Trauer.
Ein Hotelportier, der seinen Namen nicht nennen wollte, sagte, der Fahrer des Busses sei oft in der Ferienregion gewesen, um belgische Schulkinder zu bringen oder abzuholen. "Ich und viele andere hier kannten ihn gut, er war ein netter Typ, und er kannte die Gegend und die Straßen hier aus dem Effeff." Trotz der Trauer geht der Alltag im Val d'Anniviers weiter. Am Donnerstag trafen erneut Busse mit vielen Schulkindern ein, deren Skiferien jetzt beginnen. Viele von ihnen kommen aus Belgien.












