Kampusch: Fall wird neu aufgerollt
Parlamentarischer Ausschuss sieht im Fall Kampusch Aufklärungsbedarf. Ex-Höchstrichter kämpft für Neuaufnahme.

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Der Entführungsfall Natascha Kampusch spaltet die Nation: "Lasst das arme Mädchen endlich in Ruhe. Sie hat genug mitgemacht", fordern die einen. Eine lückenlose Aufklärung wollen die anderen. Derzeit prüft ein parlamentarischer Ausschuss mit höchster Geheimhaltungsstufe die Ermittlungsakten. "Wir sind noch mittendrin", sagt Obmann Werner Amon (ÖVP). Aber ein Geheimnis verrät er schon jetzt: "Dass wir den Deckel zumachen, schließe ich aus."
Es scheint also fix: Der Fall wird neu aufgerollt. Die Frage ist lediglich wie. Amon: "Entweder empfehlen wir einen Untersuchungsausschuss, schalten die Staatsanwaltschaft ein oder wir schlagen eine neuerliche Evaluierung unter Beteiligung außenstehender Experten vor." Dass das Innenministerium bereits mit dem FBI Kontakt aufgenommen hat, begrüßen die Mitglieder des Ausschusses, in dem die Überzeugung herrscht, dass bei den Kampusch-Ermittlungen geschlampt wurde.
Rätsel über Rätsel
"Es gibt eine Fülle von Punkten, die schlecht oder gar nicht untersucht wurden", kritisiert ÖVP-Politiker Amon. Obwohl dem Ausschuss die gesamten Akten versprochen worden seien, habe inzwischen auch er ernsthafte Zweifel, dass diese tatsächlich alle vorgelegt wurden.
Aber der "Fall Kampusch" lässt insgesamt viele Zweifel zu. Ermittlungspannen standen schon am Anfang des Falles, gleich nach der Entführung von Natascha Kampusch vor 14 Jahren. Die Kriminalisten suchten nach einem weißen Pritschenwagen - und stießen dabei auf Wolfgang Priklopil. Die Ermittler befragten ihn und gaben sich mit einer lapidaren Erklärung zufrieden. Kurze Zeit später lieferte ein Hundeführer neuerlich einen Hinweis auf Priklopil - überprüft wurde er allerdings nicht.
Auch nach der Flucht von Natascha Kampusch wurden die Ermittlungen zaghaft und mangelhaft geführt. Das Opfer wurde unter dem Titel "Opferschutz" ungewöhnlich stark abgeschirmt, die Staatsanwaltschaft gab sich in der Folge oft nur mit Erklärungen zufrieden und zahlreiche Spuren wurden erst gar nicht weiterverfolgt. Warum, ist bis heute ein Rätsel.
Fall entzogen
Mit dem Fall Kampusch waren mehrere Dienststellen befasst. Zunächst war die Wiener Kriminalpolizei zuständig. Dann, im Jahr 2004, wurde vom Bundeskriminalamt eine burgenländische Sonderkommission eingerichtet, der Fall den Wiener Polizisten entzogen. Die Ermittler aus dem Burgenland arbeiteten noch aktiv am Fall, als Natascha Kampusch auftauchte. Bereits drei Monate später wurden die Untersuchungen eingestellt.
Gerüchte nahmen ihren Lauf. Die Einzeltätertheorie wurde angezweifelt, von einem möglichen Pädophilenring war die Rede, die Mutter der Entführung verdächtigt. Auch Natascha Kampusch selbst gab viele Rätsel auf, wirkte in ihren öffentlichen Aussagen nicht immer ganz glücklich. Das alles heizte die Gerüchte weiter an, eine Evaluierungskommission - darunter die zwei prominenten Juristen Ludwig Adamovich, Ex-Präsident des Verfassungsgerichtshofes, und Johann Rzeszut, Ex-Präsident des Obersten Gerichtshofes - sollte Licht ins Dunkel bringen. Parallel dazu nahm eine neuerliche Sonderkommission unter der Leitung des Grazer Staatsanwaltes Thomas Mühlbacher ihre Ermittlungen auf - um das Verfahren 2009 endgültig einzustellen.
Sehr zum Missfallen von Adamovich und Rzeszut, wobei vor allem Letzterer seit Monaten vehement darauf drängt, den "Fall Kampusch" neu aufzurollen. Während Kriminalisten und Staatsanwälte den Akt schließen wollen, geben die pensionierten Höchstrichter nicht auf - und sehen nun eine neue Chance im parlamentarischen Ausschuss.
Denkzettel Seite 8










