Das hohe Fest des hohlen Konsums
Jahr für Jahr spielen wir mit in der rauschenden Inszenierung eines "Konsum-Feiertags". Für den Jäger und Sammler in uns ist es schwer, der Kaufwut zu entsagen. Die kollektive Flucht in die Sachwerte wird Jahr für Jahr rauschend(er) inszeniert.

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Wäre die katholische Kirche eine Eventveranstaltungsagentur, dann dürfte sie sich für den heutigen Marienfeiertag eine fette Prämie auszahlen lassen. Denn mit dem Gedenken an die unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter Maria hat sie eine "Story" kreiert, die das ideale Umfeld für Weihnachtseinkäufe schafft. Einerseits stellt der Feiertag die für exzessiven Konsum erforderliche Freizeit zur Verfügung, andererseits lenkt der doch eher spröde Anlass die Käufer nicht über Gebühr von kommerziellen Aufgaben ab.
Ein Einkaufs-Feiertag
Ergebnis ist, welch wunderbares Wort, ein "Einkaufs-Feiertag". Dass ausgerechnet ein kirchlicher Festtag zum wichtigsten Umsatzbringer des Weihnachtsgeschäfts wurde, ist indes mehr als eine Ironie des Schicksals. Denn die kollektive Flucht in die Sachwerte, Jahr für Jahr rauschend inszeniert, hat fraglos etwas Feierliches; ja sie trägt den Charakter eines Hochamtes in sich. Man wird bei Einbruch der Dunkelheit wieder glänzende Augen sehen, wenn die Beladenen und Mühsamen ihre Beute nach Hause tragen. Auch der starke Esser kennt ja den Moment, da er lustvoll im Hochgefühl des Verzehrs schwelgt und noch nicht merkt, wie sehr der Magen drückt.
Religiös aufgeladen sind unsere Einkaufsrituale allemal, und das nicht nur, weil Weihnachten einmal ein religiöses Fest gewesen ist. Der Konsum als solcher ist heute die Religion, und wie fast alle Religionen steckt er in der Krise. Immer stärkere halluzinogene Substanzen in Form von Glühweinwolken und Endlosschleifen-Weihnachtsmusik sind notwendig, um übersättigte Käufer im Überangebot der Warenwelt bei der Stange zu halten.
Denn es geht längst nicht mehr um den Nutzwert all der Schnäppchen, Häppchen und Sonderangebote, die man an einem langen Feiertag erstehen kann. Der Grenznutzen neuer Wirtschaftsgüter, also ihr jeweils zusätzlicher Beitrag zu einem besseren Leben, strebt für Schenker wie Beschenkte gegen null. Was in Notzeiten notwendig war, wird im Überfluss überflüssig, und diese Gleichung gilt auch für die schrumpfende Gruppe derer, die noch nicht alles haben.
Die Zeiten, da Konsum nicht gesondert erklärungsbedürftig war, weil mit seiner Hilfe offenkundige Bedürfnisse gedeckt wurden, ist ohnedies lange vorbei. Heute bilden Käufer und Werbewirtschaft eine zunehmend verzweifelte Koalition, die mit immer höherem Aufwand künstlich Bedürfnisse konstruiert, um sie sogleich befriedigen zu können. Aus der komplizierten Frage "Was soll ich schenken?" flüchten viele in die Verheißung der Warengutscheine, um gewissermaßen die Bürde der Bedürfnissuche dem Beschenkten zu übertragen. Womöglich schmücken sie auf diese Weise ihre sozialen Beziehungen mit nicht viel mehr als einem Preisschild.
Nein nein, um Mangel und dessen Beseitigung geht es nicht, wenn wir heute an den Verkaufspulten unsere Kreditkarten zücken. Zumindest nicht um materiellen Mangel. Gut möglich ist freilich, dass wir als manische Käufer Mangelerscheinungen ganz anderer Art lindern wollen. Der Soziologe Manfred Prisching hat die Kaufwut unserer Tage als "nichtmaterialistischen Konsumfuror" beschrieben und damit zum Ausdruck gebracht, dass es nicht um die gekaufte Ware geht, sondern um den Akt des Kaufens. Die Aneignung von Gütern, erfolge sie nun zum Zwecke eigener Verwendung oder der Weitergabe als Geschenk, hat viel mit Selbstbespiegelung und mit dem Wert der eigenen Person zu tun. Dieser Wert steht vor dem Hintergrund nihilistischer Lebensentwürfe, erratischer Erwerbsbiografien und brüchiger Sozialbeziehungen zusehends auf schwankendem Fundament. Da kann es nicht schaden, den Boden mit dem zuverlässigen Zement des Konsums zu unterfüttern.
Doch sogar der als Akt der Selbstvergewisserung verstandene Konsum trägt zunehmend Züge einer paradoxen Intervention. Denn es ist ja schwer zu übersehen, dass in unserer Welt der überbordenden Dinge jeder weitere Konsum ein Entsorgungsproblem schafft. Der Mensch ist ein Jäger und Sammler: Weil er Jäger ist, kauft er dauernd ein, und weil er Sammler ist, wirft er nichts weg.
Zwar ist der "Verbraucher" im Bühnenstück des Produktionskapitalismus eine häufig aufgerufene Figur. Aber die Destruktivität unseres Verbrauchsverhaltens kann schon lange nicht mehr mit der gesteigerten Produktivität der Warenerzeugung mithalten. Die Folge ist drückende Platznot auf unseren Dachböden und in unseren Kellern, wo sich nicht Benötigtes und noch nicht "Verbrauchtes" türmt. Die vollen Speicher kontrastieren unangenehm mit der Leere in vielen Lebensentwürfen.
Zwang zum Konsumieren
Dem Zwang zum Konsumieren werden wir so schnell nicht entkommen, und aus Sicht der klassischen Ökonomie ist das auch gut so. Weniger gut wirken sich die Umfeldbedingungen unserer Warenwut aus. Unser Rohstoffbedarf würde 1,4 Erden benötigen, obwohl uns bekanntlich nur eine zur Verfügung steht. Der hypertrophe Energie- und Umweltverbrauch geht zulasten der Nachwelt. Kinderarbeit, Hunger und Dürren sowie politische Unruhen im Kampf um Ressourcen sind die unerwünschten Nebenwirkungen unserer langen Einkaufstage. Der US-Wirtschaftspublizist Jeremy Rifkin beschreibt jede Wirtschaftstätigkeit als beschleunigte Vernichtung von Energie, weil zunächst zwar möglicherweise Wertvolles hergestellt wird, der Rohstoffverbrauch aber in vielen Fällen irreversibel ist.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Frage aktuell, ob wir unser einseitig konsumistisches Verständnis des Schenkens weiterentwickeln können. Denn das Schenken als Ausdruck der Zuneigung ist fraglos ein grundlegendes menschliches Bedürfnis und gehört zum Kitt jeder Gesellschaft. Wahrscheinlich ist viel getan, wenn wir versuchen, unser Schenkverhalten auf die Säulen der Liebe und des Friedens zu stellen, die ja konstitutiv für das Weihnachtsfest sind. Es geht dann nicht um Waren, sondern um Dienstleistungen, gemeinsame Erlebnisse, das Schenken von Aufmerksamkeit, Zuneigung und Zeit. Der Fantasie des entschleunigten Schenkens sind keine Grenzen gesetzt - nicht einmal die Ladenöffnungszeiten haben für sie eine Bedeutung.











