Die heilige Madonna soll Russland retten
Innerhalb von zehn Tagen sind 800.000 Menschen zu dem wundertätigen Gürtel der Maria geströmt. Viele Russen erhoffen sich von der Reliquie einen Anstieg der Geburten.

Foto © APAEin kleiner Bub küsst den wundertätigen Gürtel
Immer den braunen Pelzkappen nach! Unglaublich, welche Kraft die Babuschkis derzeit entwickeln, und überhaupt: wie viele Babuschkis jetzt unterwegs sind. Die Heilige Maria ist es, die es schafft, die alten Damen wieder auf die kalten, lauten Straßen der Hauptstadt zu locken. Genauer gesagt, ihr heiliger Gürtel, den die Gottesgebärerin während ihrer Schwangerschaft aus Kamelhaar geflochten haben soll. Einen Monat lang war die sonst am Berg Athos verwahrte Reliquie in Russland ausgestellt worden, davon rund eine Woche in Moskau, in jener Christ-Erlöser-Kathedrale, die einst von Stalin gesprengt und erst in den 90er-Jahren wieder neu gebaut worden war. Der kostbare Schrein der Maria hat eine Frömmigkeit ausgelöst, die alle überrascht hat.
Acht Kilometer lange Warteschlange
Innerhalb von zehn Tagen sind 800.000 Menschen zu dem wundertätigen Gürtel geströmt; auf bis zu acht (!) Kilometer schwoll die Warteschlange an. "Ich stand 25 Stunden an, doch dann schaffte ich es in die Kirche", erzählt die 73-jährige Ljudmila.
Die orthodoxe Kirche erlebt in Russland in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine neue Blüte. Nach dem Dornröschenschlaf, in den die Religion während des Kommunismus zwangsversetzt wurde, begann sie sich seit Gorbatschow zu erholen. Unter Putin kam die endgültige Wende: Die Staatsmacht setzte bewusst auf die spirituelle Sehnsucht des Volkes; Parteifunktionäre, Bonzen, Minister begannen, ihre Gläubigkeit öffentlich unter Beweis zu stellen, zumindest so, wie sie sich das eben vorstellen: Da werden Jachten gesegnet, neue Autos, Villen und Büros.
Die Kirche, die sich auch als Bewahrerin des Russentums sieht, gewann in der Folge ihr altes Selbstbewusstsein wieder und forderte vom Staat enteignete Kirchen und Klöster zurück, viele werden derzeit renoviert.
Und dennoch hat der Massenansturm auf den segensreichen Gürtel alles übertroffen. Erklären lässt sich dies wohl nicht nur theologisch: Der Gürtel der Madonna steht im Ruf, allgemeine Gesundheit zu bewirken, vor allem aber ungewollt Kinderlosen zu Nachwuchs zu verhelfen. Seine Wundertätigkeit trifft damit den wunden Punkt der russischen Gesellschaft: Seit Jahren schrumpft die russische Bevölkerung: "Besser wäre schon", meint die 80-jährige Anna, wenn ihre Enkelin persönlich sich hier anstellen könnte. Aber die muss Geld verdienen. Und so sind es weiter die Pelzkappen-Babuschkis, die sich betend für Russlands Nachwuchs einsetzen.











