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Zuletzt aktualisiert: 17.10.2011 um 14:30 UhrKommentare

Wiener Heime: Kommission soll Vorwürfe prüfen

Zwei ehemalige Zöglinge des Kinderheims Schloss Wilhelminenberg erheben schwere Vergewaltigungsvorwürfe gegen Erzieher. Eine externe Kommission soll jetzt die Vorwürfe prüfen. Ehemalige Angestellte wollen jedoch von den Übergriffen nichts bemerkt haben.

Das ehemalige Kinderheim im Schloss Wilhelminenberg

Foto © APADas ehemalige Kinderheim im Schloss Wilhelminenberg

Die Missbrauchsvorwürfe zweier ehemaliger Zöglinge des Kinderheimes am Schloss Wilhelminenberg gegen Erzieher der Anstalt sollen nun von einer externen Kommission unter die Lupe genommen werden. Das hat der Leiter des Wiener Jugendamts (MA 11), Johannes Köhler, am Montag in einer Pressekonferenz angekündigt. "Das wollen wir genau geprüft haben", betonte er. Die betroffene Anstalt wurde im Jahr 1977 aufgelassen. Konkret soll untersucht werden, ob die Vorwürfe, die die beiden Frauen erhoben haben, "der Tatsache entsprechen". Die Zöglinge erzählten unter anderem von Kinderprostitution und Serienvergewaltigungen - und das über einen längeren Zeitraum. Aus diesem Grund werde derzeit ein pensionierter Richter oder Staatsanwalt gesucht, der als Leiter der Kommission fungieren soll, so Köhler. Die Ergebnisse sollen in einem Abschlussbericht zusammengefasst werden.

Anwalt: Stadt Wien seit Juli informiert

Der Anwalt der betroffenen Frauen, Johannes Öhlböck, hat unterdessen in einem Ö1-Interview die Stadt kritisiert. Diese sei seit Juli informiert gewesen sein, weitere Schritte seien aber nicht erfolgt, erklärte der Rechtsvertreter. Der zuständige Stadtrat Christian Oxonitsch (S) bestätigte am Montag, dass ein entsprechender Brief eingegangen ist. Den Vorwurf der Untätigkeit wies er zurück: Man habe die Opferschutzorganisation "Weißer Ring" informiert und eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Wien eingebracht, so Oxonitsch.

"Das kann ich mir nicht vorstellen"

Zwei Erzieherinnen, die in den frühen 1970er Jahren im Heim im Schloss Wilhelminenberg tätig waren, haben indes keine sexuellen Übergriffe auf Zöglinge bemerkt. "Das kann ich mir nicht vorstellen", sagte die heute 72-jährige Schwester Gerti im Gespräch mit der Austria Presse Agentur. "Ich war aber entsetzt über die militanten Erziehungsmethoden dort. Zweierreihen und gemachte Betten waren wichtiger als das Kind. Das hat mir das Herz gebrochen." Auch ihre damalige Kollegin, Schwester Anni, hat von sexuellem Missbrauch nichts mitbekommen. "Die Häuser wurden autoritär geführt, ja, Gewalt hat es gegeben." Besonders zwei Erzieherinnen wurden von den beiden als "Ausnahmeerzieherinnen" bezeichnet. Die hätten schon eine "Tachtel" verteilt oder die Hausschuhe nach Kindern geschmissen, erzählten Schwester Gerti und Anni. Durch die Wiener Heimenquete 1971 erhoffte man sich eine Verbesserung der "dunklen Strukturen".

Sexuelle Übergriffe hätten Anni und Gerti jedoch sofort gemeldet, versicherten sie. In einem Heim, wo Anni später gearbeitet hat, habe sie einen pädophilen Besucher angezeigt. "Dafür hat man eine Antenne, das hätte ich ja auch am Wilhelminenberg gespürt." Es seien ihnen keine fremden Männer in den Räumlichkeiten aufgefallen, die beiden Erzieherinnen übernachteten auch in dem Schloss. Die Mädchen in dem Heim am Wilhelminenberg - bis 1972 war es eine Unterkunft nur für weibliche Zöglinge - hätte ihnen auch nichts erzählt. "Und ich traue mich schon sagen, dass ich eine gute Beziehung zu den Kindern hatte." Auch nach ihrer Tätigkeit hätte sie zu einigen Zöglingen lange Kontakt gehabt.

"Die Schreie hätte man gehört"

Zum Großteil seien Kinder, die bereits zuvor in ihren Familien schwerst misshandelt wurden, in dem Heim im Schloss Wilhelminenberg gelandet. "Bei einem Buben hat es keine Stelle auf seinem Körper gegeben, die nicht grün und blau geschlagen war. Und ein Mädchen wurde vom Freund der Mutter mit der Faust ins Gesicht geschlagen", so Gerti. Den Vorwürfen der beiden ehemaligen Zöglingen, konnte Gerti keinen Glauben schenken. "Was die beiden erzählen ist auch akustisch nicht möglich", erzählte Gerti. Die Frauen hätten in einem Interview mit dem "Kurier" angegeben, dass sie bei den Übergriffen laut geschrien hätten. "Das Schloss ist extrem hellhörig, da hat man sogar Hundegebell am Zaun oder Lachen von Gästen im nahe gelegenen Heurigen gehört. Da hätte man die Schreie durch Vergewaltigungen auch gehört."

Für die Übergriffe hätte jemand die Tore des Schlosses aufsperren müssen, da das Gebäude über Nacht ja abgesperrt war, sagte Gerti. Es habe nämlich Probleme mit Zuhältern gegeben, die vor den Türen oder im nahen Lokal auf die jugendlichen Insassen warteten. Die jungen Frauen liefen oft davon, landeten meist auf dem Strich in Wien, ehe sie von Polizei oder Jugendamt wieder aufgegriffen wurden.


Fakten

Zwei ehemalige Zöglinge des ehemaligen Kinderheimes im Schloss Wilhelminenberg hatten Missbrauchsvorwürfe gegen die Erzieher der Anstalt erhoben. Demnach gab es in dem Heim Serienvergewaltigungen, bei denen sogar Geld geflossen sein könnte. Die beiden Frauen waren zum Zeitpunkt ihrer Unterbringung sechs und acht Jahre alt. Das Schloss Wilhelminenberg war von Anfang der 1960er Jahre bis 1977 ein Heim für Sonderschülerinnen.

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