"Datenklau auch aus Profitgier"
"Möglichst viele Österreicherinnen und Österreicher sollen erkennen, wie schlecht es um unser Land wirklich bestellt ist": Vor dem Hintergrund neuer Datenlecks gelang es der Kleinen Zeitung, mit der Aktivistengruppe von Anonymous ein Interview über ihre Ziele und geplante Aktionen zu führen.

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Persönliche Daten jedes Österreichers tauchen in bis zu 100 öffentlichen Registern auf - von der Mitgliederkartei der Arbeiterkammer über das Finanzamt bis hin zur Wirtschafts- und Wohnbauförderung.
Erst in der Nacht auf Mittwoch wurde wieder klar, wie schlampig damit umgegangen wird. Namen, Adressen und Bankdaten von 3.000 Kunden wurden gestohlen. Der Einbruch fand nicht irgendwo statt, sondern im Bundesrechenzentrum (BRZ). Beschuldigt wurde reflexartig die Aktivistengruppe Anonymous. Die bestritt die Tat jedoch per Twitter.
Tags zuvor wurden Daten der Wirtschaftskammer publik. Hier sollen teils sensible Daten mittels Google zu finden gewesen sein. Für Aufsehen sorgte in den letzten Wochen der Diebstahl persönlicher Daten von 25.000 Polizisten sowie 600.000 Versicherten der Tiroler GKK.
Welches Ziel verfolgt Anonyoums mit seinen Aktion?
ANONAUSTRIA: Wir wollen vor Augen zu führen, wie unbekümmert der Staat und andere Organisationen mit ihren Daten umgehen. Wir wollen die Problematik solcher Datensammlungen aufzeigen, vor allem mit Blick auf den elektronischen Gesundheitsakt und die Vorratsdatenspeicherung. Es werden immer größere Datenbanken mit immer mehr Informationen angelegt, was nur zum Missbrauch führen kann. Egal wie gut Sicherheitssysteme sind, sie können übergangen werden.
Wie schlampig gehen Institutionen, Behörden oder Firmen mit persönlichen Daten um?
ANONAUSTRIA: Teilweise scheint es überhaupt kein Bewusstsein für Datenschutz zu geben, der Sicherheit scheint keine große Priorität eingeräumt zu werden. Oft stehen die Verantwortlichen auf verlorenem Posten, da ihnen die nötige Technologie nicht zur Verfügung gestellt und mit veralteten Systemen gearbeitet wird. Unverantwortlich ist es auch, Daten am USB-Stick nach Hause zu nehmen oder ins Internet hochzuladen.
Nach dem Leck bei der Tiroler GKK fragten sich viele, ob ähnliche Lecks bei anderen österreichischen Krankenkassen möglich wären?
ANONAUSTRIA: Leider wissen wir nicht, wie die Datenbank der TGKK im Web landete. Aber es deutet alles darauf hin, dass sie von einem Insider entwendet wurde. Der Mensch ist in allen Systemen die unsicherste Komponente und diese Lücke lässt sich nicht schließen. Von daher kann so etwas überall passieren.
Datenschützer meinen, dass wenn Daten gesammelt werden, könnten sie auch missbraucht werden. Stimmen Sie dem zu?
ANONAUSTRIA: Allerdings. Die GKK-Daten wurden schon vor einiger Zeit entwendet, vermutlich um damit Profit zu machen. Je mehr Daten einem zur Verfügung stehen, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann damit Missbrauch betrieben wird. Man kann also nur versuchen, den Missbrauch von Daten dadurch minimieren, indem man den Kreis der Personen mit Zugriff darauf verkleinert. Auch die technischen Systeme müssen aktuell und sicher gehalten werden, sodass sich der Aufwand für einen Angriff darauf nicht lohnt. Je wertvoller die Daten sind, umso schwieriger wird das natürlich. Missbrauch kann man nicht verhindern. Die einzig sicheren Daten sind jene, die nicht erhoben wurden.
Wie ist das Veröffentlichen von privaten Daten unbeteiligter Personen mit Ihren Zielen oder dem Hacker-Ethos, private Daten zu schützen, vereinbar?
ANONAUSTRIA: Um das ein für alle Mal klarzustellen: Wir sind keine "Hackergruppe" und fühlen uns daher auch nicht an irgendeinen "Hacker-Ethos" gebunden. Mit unseren Zielen ist das ganz einfach zu vereinbaren. Wir wollen denjenigen, die auf unsere Daten zugreifen können, auch einmal vor Augen führen, dass sie selbst beobachtet werden.
Was sagen Sie Kritikern, die Sie "Cyber-Terroristen" nennen?
ANONAUSTRIA: Dass sie sich erst mal mit Anonymous auseinandersetzen und sich darüber informieren sollen, bevor sie mit solchen Begriffen um sich werfen.
Führen Aktionen wie die Veröffentlichung von Polizistendaten nicht zu einer Sympathieumkehr und zur Stärkung jener, die nach strengeren Internet-Regeln rufen?
ANONAUSTRIA: Es ist paradox zu glauben, man könne Daten dadurch besser schützen, dass man – wie bei der Vorratsdatenspeicherung – mehr Daten erhebt. Politiker fordern bei jeder Gelegenheit eine Einschränkung der Bürgerrechte, selbst wenn inhaltlich gar kein Zusammenhang besteht.
Sind weitere Aktionen dieser Art (mit oder ohne Veröffentlichung) geplant?
ANONAUSTRIA: Über bereits laufende oder zukünftige Operationen möchten wir nicht sprechen.
Könnte es auch Datenlecks geben, die Spendenlisten von Parteien oder Materialien zur Korruptionsbekämpfung ans Licht der Öffentlichkeit bringen?
ANONAUSTRIA: Selbstverständlich werden wir auch derartige Daten in einer angemessenen Form veröffentlichen, falls wir Zugang dazu erlangen sollten. Bei Daten, wo es um das eigene Wohl der Politiker geht, scheint aber das Geheimhaltungsbedürfnis deutlich höher ausgeprägt zu sein, als wenn es "nur" um Daten der einfachen Bürger geht.
Es heißt immer wieder, dass bei Ihrer Gruppe sogar Staatsdiener dabei wären. Stimmt das und aus welchen Motiven sind die dabei?
ANONAUSTRIA: Selbst wenn wir die Identität einzelner Mitglieder kennen würden, würden wir diese natürlich nicht bekannt geben. Die Motive sind aber bei fast allen ähnlich: kein Vertrauen mehr in die korrupte Politik und das Wissen, dass man auf anderem Weg kaum Aufmerksamkeit erhält, um Missstände aufzudecken.
Jemand von AnonAustria meinte unlängst: "Wir machen das, weil es mit Österreich bergab geht". Ist Ihr Weg einer, der wieder "bergauf" führt?
ANONAUSTRIA: Ein wichtiger Schritt ist, dass erst einmal möglichst viele Österreicherinnen und Österreicher erkennen, wie schlecht es um unser Land wirklich bestellt ist. Erst dann kann es wieder bergauf gehen.













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