Strafhäftlinge wollen ihre Freiheit nutzen
Freitag wird das neue Freigängerhaus in Grafenstein offiziell eingeweiht. Hier leben 13 Häftlinge, die tagsüber arbeiten müssen - und auch sonst kaum auffallen.

Foto © Traussnig
Grafenstein hat 2829 Einwohner. Seit 15. Juli sind es 13 mehr. "Von denen merkt man ja gar nichts", sagt eine Nachbarin. Wer hätte das gedacht? Die 13 "neuen Mitbürger" sind nämlich verurteilte Straftäter. Und die Angst vor ihnen war entsprechend groß. Aber offenbar unbegründet: Denn kaum sind sie da, werden sie nicht einmal wahrgenommen.
Die Häftlinge der Justizanstalt Klagenfurt haben hier, zwölf Kilometer östlich der Landeshauptstadt, ihr neues Freigängerhaus bezogen. Es liegt mitten im Grünen und bis auf ein paar Überwachungskameras erinnert so gar nichts an ein Gefängnis. Am Freitag wird das Haus offiziell eröffnet.
Selbstversorger
Freigänger zu sein, heißt freier zu sein. Freier als jene Häftlinge, die ihre Strafe direkt im Gefängnis verbüßen müssen. "Die Männer hier draußen sind Selbstversorger", sagt Peter Bevc, Leiter der Justizanstalt Klagenfurt. Sie gehen tagsüber arbeiten, kochen abends ihr Essen in der kleinen Gemeinschaftsküche mit der beigefarbenen Küchenzeile, waschen die Wäsche und putzen das Haus. Die einen arbeiten in jenen Firmen, in denen sie schon vor der Verurteilung tätig waren. Die anderen, großteils Handwerker, werden von Unternehmen geleast. Ihr Lohn geht fast zur Gänze an den Staat, der Häftling bekommt acht Euro täglich - etwa für den Einkauf von Essen.
Die Freigänger sind sozusagen die Vorzugsschüler unter den Häftlingen. Früher, als die Freigänger noch in der Justizanstalt waren, gab es oft große Probleme, schildert Bevc. Es erging ihnen, wie es Strebern in der Schule oft ergeht. "Sie wurden von Mithäftlingen unter Druck gesetzt und gezwungen, Drogen hereinschmuggeln."
Im Freigängerhaus, das früher ein Lehrerwohnheim war, kann das nicht passieren. "Denn alle Häftlinge sind in der gleichen Lage. Und alle wissen, sie bekommen nur einmal die Chance, ins Freigängerhaus zu wechseln", sagt Erich Rautz. Er ist einer der zwei Beamten, die regelmäßig Dienst in Grafenstein haben. Auf seinen Monitoren kann er beobachten, wann die Häftlinge von der Arbeit kommen. Sobald die Männer das hellblau gestrichene Haus betreten, müssen sie durch eine Schleuse mit einem hochmodernen Alkomaten, für den jeder Häftling sein eigenes Röhrchen hat. "Nur wenn der Alkotest 0,0 Promille ergibt, öffnet sich die Schleuse und damit die Türe ins Freigängerhaus. Bei Alkoholisierung muss der Häftling sofort zurück ins Gefängnis. Bevc ist von dem Konzept überzeugt. "1500 Täter waren in den letzten Jahren auf Freigang. Nur 15 davon haben gegen das Alkoholverbot verstoßen."
"Wir werden streng überwacht. Aber das ist schon in Ordnung so", meint ein Häftling. Und dass er froh sei, hier im Freigängerhaus zu sein. Im Stiegenhaus hängen bunte Bilder, von Gymnasiasten gemalt. Oben im ersten Stock befinden sich die Schlafzimmer der Männer. Einer hat ein Bild von seiner Frau und seinem Hund auf dem Nachtkästchen. "Ich habe einmal Mist gebaut. Dafür wurde ich verurteilt. Und da muss ich jetzt halt durch", sagt er und beobachtet teilnahmslos, wie ein Justizwachebeamter alle Kästen und Schubladen öffnet und kontrolliert.
Freiheit schaut anders aus. Aber der Weg in die Freiheit schaut so aus.
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FAKTEN
Strenge Auswahl. Die Häftlinge müssen bestimmte Kriterien erfüllen, um ins Freigängerhaus zu dürfen. Sexualstraftäter kommen für den gelockerten Vollzug nicht infrage. 2003 wurde Kärntens erstes Freigängerhaus in Klagenfurt errichtet. Der Mietvertrag war von Anfang an befristet. Seit 2006 gab es intensive Bemühungen, einen neuen Platz für die Freigänger zu finden. 2007 "platzte" der geplante Neubau im Stadtteil St. Ruprecht/Klagenfurt nach Anrainerprotesten. 2010 folgten erste Bürgerinformationsveranstaltungen in Grafenstein. Freitag ist die Eröffnung.











