16.000 Polizisten gegen die Angst
Bilder, wie man sie aus dem Nahen Osten kennt - 16.000 Polizisten sollen jetzt noch mehr Zerstörung und Gewalt in Großbritannien verhindern. Doch brutale Perspektivenlosigkeit ist längst ein europäisches Problem. Von Thomas Golser.

Foto © Reuters
In einem Punkt sind sich die Beteiligten und vor allem die Kommentatoren angesichts der Ausschreitungen und Straßenschlachten einig: Die Intensität überrascht, das Problem weniger. Tottenham war auch jener Nordlondoner Stadtteil, in dem es unter anderem auch schon 1985 zu üblen Ausschreitungen gekommen war: Eine Frau starb damals während einer Razzia der Polizei in ihrem Haus, ein Polizist wurde dann vom tobenden Mob tot geprügelt. Erst 2008, als ein Mann durch die Pistolenkugel eines Polizisten starb, eskalierte die Lage und sorgte für Unruhen auch in anderen Stadtteilen der Metropole.
Perspektivenlosigkeit
Die Perspektivenlosigkeit im sogar für Londoner Verhältnisse sehr multikulturellen Stadtteil Tottenham wurde mittlerweile über Generationen weitergereicht und potenzierte sich. Es lebt sich fabelhaft in "good ol' London", vorausgesetzt man hat Geld und wohnt in den richtigen Stadtteilen. Wer nichts in seinen Taschen hat und nichts außer Frust in sich selbst, will das vernichten, was nicht ihm gehört. Für blindes Zerstören ganzer Existenzen und (in jedem Fall) sinnlose Gewalt braucht es nicht einmal eine politische Gesinnung. Um zusammenzufinden und sich zu organisieren, verwenden die "looters" bevorzugt BlackBerry-Handys, so Matthias Thibaut, Großbritannien-Korrespondent der Kleinen Zeitung in London. Vor allem, weil das private Nachrichtenservice dieser Telefone ("BBM" genannt) - anders als z.B. Twitter - für die Polizei nicht einzusehen ist.
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Gute Organisation, die man der Met, also der Metropolitan Police noch immer nicht wirklich bescheinigen kann. Nach mehreren Nächten der Gewalt in Folge gingen der Regierung Kräfte aus, die auf Ausschreitungen dieser Art spezialisiert sind. Bislang schreckt man noch vor den ganz harten Mitteln zurück: "Keine Wasserwerfer, keine Armee, keine Ausgangssperre", bestätigt Thibaut. 16.000 Mann will ein polternder Premierminister David Cameron - er ist selbst wegen des Abhörskandals rund um Medienmogul Rupert Murdoch unter Beschuss - allerdings aufbieten. Zunächst war noch unklar, woher diese überhaupt kommen sollen.
Die Probleme im traditionell multikulturellen London bzw. Großbritannien waren immer da, den Vorwurf ungenügend und spät entgegengesteuert zu haben, muss sich die Politik gefallen lassen. Finanzielle Stützen für Jugendliche wurden gestrichen, bestätigt Thibaut. Ursachen ortet er aber an anderer Stelle: Beinahe sechs Millionen arbeitslose Briten rächten sich, dass viele Migranten nicht integriert wurden, sei auch ein Zeichen verfehlter Sozialpolitik. Immerhin fand Cameron mittlerweile seinen Weg aus seinem toskanischen Urlaubsdomizil, um über das weitere Vorgehen in London, Liverpool, Birmingham and Bristol zu beraten. Dass mittlerweile das Fußball-Spiel England-Niederlande wegen der Krawalle abgesagt wurde, war daher zu erwarten. Sorge bereitet aber auch die Tatsache, dass die Probleme bleiben werden und in London 2012 die Olympischen Sommerspiele stattfinden sollen - blutige Krawalle als unwürdiges Rahmenprogramm?
Europa brannte schon
Ein Zukunftsszenario für die großen Städten Europas? Es scheint so - und dafür, dass die Entwicklung bereits länger voll im Gange ist, braucht man sich gar nicht zu lange zurückzuerinnern: Nach tödlichen Polizeischüssen auf einen jugendlichen Autodieb kam es 1998 in der südfranzösischen Stadt Toulouse zu schweren Jugendkrawallen. Da gab es vor einigen Jahren die brennenden Pariser Vorstädte mit ihren auf das Dauer-Abstellgleis verbannten Jugendlichen aus dem Maghreb-Raum. Erst 2010 schlugen in Lyon bis dahin weitgehend friedliche Proteste gegen neue Pensionsregeln in blanke Gewalt um.
Ein ähnliches Bild in Italien, als im Vorjahr tausende Demonstranten - dieses Mal auch aus dem Studentenmilieu - gegen das System Berlusconi und die Zustände dahinter zu Pflastersteinen und Brandsätzen griffen. 2008 wurde Dänemark mehr als eine Woche lang von Krawallen heimgesucht, vor allem in von jungen Einwanderern bewohnten Stadtteilen Kopenhagens loderten die Flammen. Dazu natürlich das marode Griechenland, vor allem jetzt im Fokus, doch schon 2008 zogen randalierende Jugendliche durch die Straßen und zündeten unzählige Geschäfte, Häuser und Autos an.
Es brennt schon länger in Europa.
Features
Im O-Ton
Matthias Thibaut, Großbritannien -Korrespondent der Kleinen Zeitung mit O-Tönen aus London.
Zitiert
Wenn sie deine Haustür eintreten, wie würdest du reagieren? Mit den Händen an deinem Kopf - oder auf dem Auslöser deines Gewehres?
Wenn das Gesetz einbricht, wie wirst du dann sterben? Auf dem Bürgersteig erschossen - oder dann in der Todeszelle wartend?
Ihr könnt uns zerstören, ihr könnt uns auch zerquetschen, aber ihr werdet antworten müssen, den Gewehren von Brixton.
Aus dem Song "The Guns Of Brixton" (1979) von der englischen Band "The Clash"













