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Zuletzt aktualisiert: 15.06.2011 um 10:06 UhrKommentare

Der Glaubenskrieg

Ist Osama bin Laden tatsächlich tot? Wie starb er wirklich? Die Details jener Nacht Anfang Mai dürften für immer im Dunkeln bleiben, doch wie bei den meisten Verschwörungstheorien steckt wohl auch hinter jenen um den Al-Kaida-Chef ein Fünkchen Wahrheit. Nur wo, weiß niemand.

Osama bin Laden: Tot, lebendig, erfunden?

Foto © APAOsama bin Laden: Tot, lebendig, erfunden?

Als die Kugel der Navy Seals Spezialeinheit des US-Militärs am Morgen des 2. Mai den meistgesuchten Verbrecher der Welt in den Kopf traf, war Osama bin Laden auf der Stelle tot. Ein zweiter Schuss traf den Chef des Terrornetzwerkes Al Kaida in die Brust, doch der erste Schuss war es, der die Regierung Obama zu einer umstrittenen Entscheidung zwang. Glaubt man CIA-Chef Leon Panetta, zeigen die Beweisfotos des toten Bin Laden einen fast bis zur Unkenntlichkeit entstellten Mann. Hirnmasse sei zu sehen, die aus einer Augenhöhle austritt - "einfach grässlich", kommentierte Regierungssprecher Jay Carney. Noch in der gleichen Nacht entschieden sich Barack Obama und seine engsten Vertrauten nach einer angeblichen hitzigen Diskussion, die Fotos des toten Terroristen für immer unter Verschluss zu behalten.

Was für die US-Regierung ein Dilemma darstellt, ist für Verschwörungstheoretiker auf der ganzen Welt ein fruchtbarer Nährboden. Ein Informationsvakuum regt zu Spekulationen an, vor allem wenn die gängigen Zutaten eines guten Thrillers vorhanden sind: Geheime Militäroperationen, das Weiße Haus, Gewalt, Angst - und all zu deutliche Widersprüche in der offiziellen Version. Der nach sei Osama in der Nacht seines Todes bewaffnet gewesen. Eine Stellungnahme des US-Militärs, die wenige Tage nach der Kommandoaktion bereits revidiert wurde: Bin Laden war unbewaffnet, ein Gewehr sei aber "in Reichweite" gewesen. Der US-Nachrichtensender Fox stellte schon kurz nach dem ersten Jubel über den Tod des Terrorfürsten die Frage: "Was tat Osama, bevor die Soldaten sein Zimmer stürmten?" Und tatsächlich: Es erscheint unwahrscheinlich, dass ein erfahrener Kämpfer wie bin Laden weder die zwei landenden Hubschrauber in seinem Vorgarten als auch die Schießerei im eigenen Haus, bei der vier Menschen starben, überhört haben soll - und nicht zur Waffe griff.

9/11 und eine Leiche im Ozean

Für noch mehr Wirbel sorgt die Seebestattung Osamas. In unzähligen Internet-Foren, Talk-Shows und an Biertischen wird die Theorie diskutiert, dass bin Laden in Wahrheit gar noch am Leben sei. Die Bestattung auf hoher See gilt als Hauptindiz dieser Theorie: "Warum sollte die US-Regierung des besten Beweis für den Tod bin Ladens zerstören?", heißt es in einem der Forenbeiträge. Gemeint ist die Leiche des Al-Kaida-Kopfes. An DNA-Tests und die geheimen Fotos glaubt dort keiner so recht, da diese ohnehin nur Fälschungen seien.

Auch auf die Frage, wo bin Laden sich aufhalte, sofern er noch lebe, haben die Verschwörungstheoretiker eine Antwort: in einer luxuriösen Villa, irgendwo inmitten der USA. Ohne Bart, braungebrannt - und auf freiem Fuß. Das beste Versteck ist vor den Augen der Suchenden. Denn in Wirklichkeit sei Osama stets ein treuer Diener der USA gewesen, besagt eine besonders abenteuerliche Theorie, der nach bin Laden gemeinsame Sache mit dem US-Geheimdienst CIA gemacht haben soll. Hier schließt sich, glaubt man den meist anonymen selbsternannten Verschwörungs-Experten des Internet, der Kreis zu den Anschlägen am 11. September 2001 in New York: Der Fall der Twin Towers - die größte Verschwörung der Menschheitsgeschichte, direkt vor den Augen der ganzen Welt? Alles inszeniert, meinen manche: Auch hinter dem Synonym Al Kaida stecken angeblich die USA selbst - um durch teure Kriege an Öl zu kommen und die eigenen Vormachtstellung zu untermauern. Als Hauptindizien für diese Theorie gelten die guten Kontakte der Familie Bush zur Rüstungsindustrie, und, zu Zeiten von Bush senior, die gewinnbringende Zusammenarbeit mit der Familie bin Laden in Saudi-Arabien.

Der Mangel an Informationen wird Verschwörungstheoretikern weiter in die Hände spielen. Im Unbekannten liegt die Spannung, der Reiz und das Abenteuerliche, da lassen sich Fakten nach Belieben verbiegen, bis das Gedanken-Konstrukt zur architektonischen Meisterleistung des Gehirns wird. Schön anzusehen, aber nicht sonderlich stabil. Es mag zu einfach sein, dass ein Mann wie bin Laden, der die Welt jahrzehntelang in Atem hielt, eines Morgens in seinem Schlafzimmer erschossen wird. Unbewaffnet und im Schlafgewand. Dessen Leben bei all seiner Grausamkeit eine Faszination inne hatte, der man sich nur schwer entziehen kann. Thriller enden anders; die Wahrheit klappt einfach den Buchdeckel zu.

SEBASTIAN KRAUSE

Fakten

Die Bevölkerung Pakistans ist am wenigsten von der offiziellen Version der USA überzeugt.

Laut Umfragen glauben fast 75 Prozent an eine Verschwörung. Gängigster Standpunkt: bin Laden habe nie in Pakistan gelebt und sei schon vor Jahren im Irak gestorben. Die Regierung der USA wüsste dies und hätten nun den Zeitpunkt gewählt, um den schwächelnden Präsidenten Barack Obama zu stärken – und seine Wiederwahl zu sichern.

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