Springe zu: Inhalt | Hauptnavigation | Seitenleiste | Fußzeile
19. Mai 2013 05:00 Uhr | Als Startseite
Neu registrieren
Auto raste in den USA in Wanderer-Parade Homosexuelle fühlen sich weiter im Abseits Voriger Artikel Aktuelle Artikel: Chronik Nächster Artikel Auto raste in den USA in Wanderer-Parade Homosexuelle fühlen sich weiter im Abseits
Zuletzt aktualisiert: 01.05.2011 um 09:42 UhrKommentare

Was von diesem Papst bleibt

Am Sonntag wird Papst Johannes Paul II. in Rom seliggesprochen. An Karol Wojtyla, der die katholische Kirche 27 Jahre regierte, schieden und scheiden sich die Geister bis heute.

Ein "Wunder" sei das eigentlich, schrieb der Kabarettist Martin Puntigam kürzlich in der "Presse": 200 Jahre nach Beginn der Aufklärung interessiert sich noch jemand für eine Aristokratenhochzeit und die Seligsprechung des "verstorbenen Vereinsoberhaupts eines internationalen Tröstungsvereins". Weder die "Verseligung" Johannes Pauls II. noch die Hochzeit des britischen Prinzen haben doch maßgeblichen Einfluss auf das Leben der Menschen, warum also der Rummel, fragt Puntigam.

Zur Hochzeit ist alles gesagt. Bleibt die Frage, warum der seit sechs Jahren tote Papst Johannes Paul II. uns interessieren sollte.

Man kann viel anführen gegen Seligsprechungen im Allgemeinen, gegen die von Päpsten im Besonderen. Der Weg dorthin, den wir in unserer heutigen "Lebensart" beschreiben, ist die bizarre Imitation eines Strafprozesses, die Forderung nach einem Wunder zur Beglaubigung wirkt mittelalterlich. Im besonderen Fall wenden Kritiker ein, die Dokumentenmasse dieses Pontifikats habe in der kurzen Zeit unmöglich vorschriftsmäßig geprüft werden können.

Man kann auch manches gegen den Langzeitpapst aus Polen selbst vorbringen. Sein antiquiertes Rollenbild von Mann und Frau, die an Personenkult erinnernde Event-Kultur, sein Desinteresse an Kirchenreformen. In Österreich denkt man an haarsträubende Personalentscheidungen. Bischof Kurt Krenn in St. Pölten und Erzbischof Hans-Hermann Groer in Wien haben riesige Flurschäden angerichtet, der eine durch reaktionäre Streithanselei, der andere durch den Missbrauch ihm anvertrauter Jugendlicher in der Vergangenheit.

Was also bleibt von Karol Wojtyla alias Johannes Paul II.?

Jan Ross, der zu Ende des Pontifikats eine fein austarierte Analyse des Pontifikats publiziert hat, nennt die 27 Jahre mit Johannes Paul II. ein "Pontifikat XXL". Lang ist die Liste der Superlative. Nur Pius IX. hat länger regiert und Petrus, der erste Papst. Unübertroffen war die Zahl seiner Reden, Predigten, Bücher. Keiner ist weiter gereist, keiner mehr Menschen begegnet, keiner hat mehr heiliggesprochen. Gründe für eine Seligsprechung sind das noch keine. Schon zu Lebzeiten hörte man die Warnung, solche Umtriebigkeit könnte bald verpuffen. Und tatsächlich wirkt die überdimensionale Figur dieses Papstes sechs Jahre später schon seltsam entrückt, ja unwirklich.

Man muss sich schon an den Zustand der Kirche zu Ende der Regentschaft von Paul VI. erinnern, um die Dimensionen dieses Pontifikats zu ermessen. Die Kirche war auf sich selbst konzentriert, zerrissen von Querelen um die richtige Interpretation des II. Vatikan-Konzils. Mit dieser Selbstbezogenheit hat Johannes Paul II. radikal Schluss gemacht. Ihn interessierte die Welt im Ganzen, alle Menschen wollte er erreichen, unabhängig von ihrem Glauben. Nur so sind seine Gebetstreffen mit anderen Religionsführern zu verstehen, die ihm am konservativen Rand der Kirche massive Kritik eintrugen. Deshalb hatten auch seine "Pastoralreisen" immer eine politische Komponente, in Polen sowieso, aber auch - und weniger glücklich - in Lateinamerika.

Heilig- und Seligsprechungen entziehen nicht jede einzelne Handlung der Kritik. Sie zielen auf den Kern der Person, auf ihren Glauben, ihre Hingabe an Gott, auf die Lauterkeit ihrer Motive. Deshalb läuft die Detailkritik an der Amtsführung ins Leere. Nicht weil sie falsch wäre, sondern weil sie nicht gegen die "Heiligkeit" einer Person spricht. Wer Verantwortung trägt, macht Fehler und verletzt Menschen, auch wenn er Papst ist.

Wer die Jahre seiner Regentschaft erlebt hat, erinnert sich an die riesigen Schwankungen in der Wahrnehmung Karol Wojtylas. Von der jugendlichen Lichtgestalt zum reaktionären Finsterling, vom Befreier Osteuropas zum Reformverweigerer. Sein Nein zum Irak-Krieg hob die Quote, sein öffentliches Leiden machte ihn nahezu unangreifbar. "Santo subito" rief die Menge bei seinem Begräbnis. Am liebsten hätte man ihn damals per acclamationem heiliggesprochen.

Sucht man nach dem Vorbildlichen Karol Wojtylas, so ist es von den Schatten kaum zu trennen. Ohne seine Unbeirrbarkeit hätte er dem Anpassungsdruck im kommunistischen Polen nicht widerstehen können und nachher nicht dem undifferenzierten Jubel über den "Sieg des Kapitalismus". Er hat es beiden Seiten nicht recht gemacht, weil beide Ideologien seiner von Christus hergeleiteten Ehrfurcht vor der Person zuwiderliefen. Daher rührt sein Einsatz für die Menschenrechte wie für das ungeborene Leben, sein Kampf gegen den Kollektivismus wie gegen den radikalen Individualismus. Karol Wojtyla stand quer zu allen Erwartungen. Er "schnürte die ideologischen Paketlösungen auf", schreibt Jan Ross. Das erklärt die Begeisterung wie die Verstörung, die er auslöste.

Am Unorthodoxen dieses Mannes sich zu orientieren, kann niemandem schaden. Insofern könnte Karol Wojtyla ein "Heiliger" für alle werden.


Steiermark > Graz

Regenschauer
Graz
min: 8° | max: 26°
7-Tagesprognose

Aktuelle Leser-Fotos

KLEINE.tv

Der alte Mann und der Afritzer See

Christian Kind ist 66 Jahre alt und angelt sein Leben lang. Jeden Tag im...Noch nicht bewertet

 




Fotoserien

Zyklon "Mahasen" erreicht Bangladesch 

Zyklon "Mahasen" erreicht Bangladesch

 

Events & Tickets

Semino Rossi Tipp

Semino Rossi

16.03.14 Graz


Seitenübersicht

Zum Seitenanfang