Wenn die Welt zum Labyrinth wird
"Alzheimer ist eines der letzten großen Tabus", sagt Psychiatrie-Primar Winfried Tröbinger. Tabus werden von Angst und Abwehr gespeist. Die Menschen werden älter und damit wächst auch die Zahl an Demenzkranken - Tendenz dramatisch steigend.

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Dass diese Emotionen beim Thema altersbedingte Demenz auftauchen, ist nachvollziehbar. "Ein Viertel aller über Achtzigjährigen und ein Drittel aller über Neunzigjährigen sind davon betroffen", weiß der Mediziner, "und die Tendenz ist absolut und dramatisch steigend." Dass die ersten Anzeichen alltäglichen Vergesslichkeiten ähneln, verstärkt das Unbehagen.
Deshalb werden ermutigende Erkenntnisse zu wenig wahrgenommen: So gehört ein gesundes, aktives und erfülltes Leben zu den sinnvollen Vorbeugemaßnahmen. "Und je früher man Alzheimer erkennt, desto besser. Denn heute können wir Patienten viele Jahre lang vor einer Verschlechterung ihres Zustands bewahren - und zwar in jedem Stadium", so Tröbinger.
Frage an den Psychiater: Wann sollte man sich denn durchchecken lassen? "Wenn Fehlleistungen des Kurzzeitgedächtnisses mehrere Tage anhalten." Wenn sich also Situationen häufen wie die, dass man im Keller steht und nicht mehr weiß, was man da eigentlich wollte.
Die pensionierte Ergotherapeutin Maria Hoppe hat noch einen anderen Zugang zu der Erkrankung. "Als Validationslehrerin stehe ich für den Ansatz, auch alte und demenzkranke Menschen wertzuschätzen und ihr Verhalten für gültig zu erklären."
Die Prämisse, jeder Mensch sei einzigartig und habe eine innere Weisheit, klingt zwar "medizinromantisch", führt aber zu erstaunlichen Schlussfolgerungen. Hoppe: "Man könnte die Erkrankung auch als eine Art Flucht in die Demenz verstehen, weil er wesentliche Lebensziele verfehlt hat." Wer glaubt, von Familie oder Betreuern bestohlen zu werden, dem wurde tatsächlich ein Teil seines Lebens gestohlen. Wer aggressiv wird, lässt lange aufgestauten Frust heraus. Wer verwirrt ist, strandet in einer Gesellschaft des Leistungszwangs und der permanenten Überforderung. Hoppe will diese Denkungsart sogar auf die Spitze treiben: "In den späten Alzheimerphasen kann der Patient sogar auf die ganze Welt sch . . ."
So wird die zuerst tabuisierte Krankheit als "verrückte" Befreiung von betroffenen Patienten verstanden, die die Hilflosigkeit der "normalen" Umwelt aufdeckt und schließlich der Gesellschaft einen erheblichen Anteil am Entstehen von Demenz und Alzheimer zuweist. Das mag unorthodox klingen, bringt aber sicher mehr als reine Abwehr.
Gestützt auf 17 Jahre Arbeit mit alten, kranken und sterbenden Menschen in Wien hat Maria Hoppe ein ungewöhnliches Symposium organisiert (siehe Interview links). Dem programmatischen Ziel ihres Projektes "Entwirrt Alzheimer" kommt sie damit ein gutes Stück näher.
Features
Erfahrungsbericht
Symposium
Thema: "Demenz - eine Herausforderung an das soziale Zusammenleben." Freitag, 4. März 2011, von 14 bis 18 Uhr im Katholischen Bildungshaus Sodalitas in Tainach.
Teilnehmer. Mit Vertretern aus Medizin, Angehörigen, Patientenanwaltschaft, AK-Sozialrecht, Volkshilfe, Selbsthilfegruppe, Validationstraining, Gesundheitspolitik und Gebietskrankenkasse.
Anmeldung: Tel.: 04 239/26 42, office@sodalitas.at oder vor Ort. Tagungsgebühr: 35/30 Euro.











