"Wilderer hat starken Hang zu Sadismus"
Der renommierte Gerichtspsychiater Reinhard Haller entwirft ein Psychogramm des Wilderers vom Lavanttal: Es geht um Sucht, Aggression, Größenwahn.

Foto © PAN-TVAllmachtsgefühle, Größenwahn, Aggressivität, Sadismus, körperliche und geistige Fitness: Dieses Täterprofil des Lavanttaler Wilderers erstellte Gerichtspsychiater Reinhard Haller
Die Sprache des Verbrechens analysieren, ohne den Täter zu kennen!" Täterprofile entwerfen, das kann Reinhard Haller. Der Psychiater und Gerichtsgutachter hat abnorme Straftäter untersucht, Bücher über "Das ganz normale Böse" und "Die Seele des Verbrechens" geschrieben. Für die Kleine Zeitung hat er Daten über den Wilderer vom Lavanttal ausgewertet. Das Ergebnis ist erschreckend!
"Wild zu jagen, ist so alt wie die Menschheit", erklärt Haller. Gängige Motive sind Beschaffung von Nahrung oder Trophäen und die Lust am Jagen. Doch jetzt wird es kritisch. "Im konkreten Fall treffen diese Gründe nicht zu. Darum geht es dem Wilderer auch nicht, sondern um eine grandiose Selbstinszenierung. Diese Störung der Impulskontrolle ist vergleichbar mit Kleptomanen oder Brandstiftern."
Das Suchthafte der Taten ist unverkennbar, so Haller, was die steigende Häufigkeit der Abschüsse betrifft als auch die Art, wie das tote Wild präsentiert wird. "Alles deutet darauf hin, dass der Täter in Rivalität mit Jagdschutzorganen steht, dass er sich im Wettkampf mit ihnen sieht und sich überlegen fühlt."
"Ich bin allmächtig"
Das finde man auch bei Brandlegern oder Serienkillern: "Sie hören, wie ihre Mitmenschen schimpfen und sich fürchten, und sagen sich: ,Ich sitze mitten unter den Ahnungslosen, ich tu so, als ob ich Zeitung lese, und schimpfe vielleicht sogar mit. Aber ich bin der Einzige, der die Wahrheit kennt. Ich bin allmächtig'."
Doch es kommt noch schlimmer. Haller: "Bedenklich ist, dass hier ein starkes aggressives Element vorliegen muss. Der Wilderer jagt nicht möglichst schmerzlos, sondern grausam. Er knallt die Tiere nieder, schneidet ihnen die Köpfe ab. Das deutet darauf hin, dass der Täter ein hohes Aggressions- und Sadismuspotenzial hat. Diese Mischung ist nicht ungefährlich."
Die Zusammenfassung schaut so aus: Täter dürfte ein körperlich fitter Mann mit guter Intelligenz sein, sonst könnte er sein Tun nicht so lange verbergen. Motiv könnte Eifersucht und Rivalität gegenüber Jagdhütern und -aufsehern sein; vielleicht, weil ihm dieser Beruf versagt geblieben ist und er zeigen will, dass er der Überlegenere, Schlauere ist. Hinzu kommen psychische Faktoren wie Sadismus, Narzissmus und Überlegenheitsgefühle.
Könnte der Täter statt auf Tiere auch auf Menschen schießen? "In der Regel nicht", sagt Haller, "aber es ist erwiesen, dass Menschen, die - wie Jäger - die Tötungsschwelle einmal überschritten haben, auch beim Töten von Menschen eine niedrigere Hemmschwelle haben."
Was stoppt Täter wie den Wilderer vom Lavanttal? "Meistens bringen sie sich selbst zu Fall", weiß Haller. Nicht nur, weil - statistisch erwiesen - mindestens jede 32. menschliche Handlung eine Fehlleistung ist. "Der Suchtcharakter der Taten führt dazu, dass Frequenz und Dosis der Abschüsse gesteigert werden, das lässt weniger Zeit für die Vorbereitung, was wiederum die Fehleranfälligkeit erhöht. Serienkiller und pathologische Brandstifter entwickeln oft den Größenwahn: ,Mich erwischt eh keiner.' Das verführt sie zu Leichtsinn - bis sie gefasst werden!"
Features
TÖTUNGSSERIE
Abschüsse. Seit Mai 2010 wurden 16 erschossene Wildtiere, überwiegend Rehwild, entdeckt, darunter auch trächtige Tiere. Die Zahl der verletzten Rehe dürfte noch wesentlich höher sein.
Botschaft. Der Täter deponiert Kadaver oder Tierköpfe so spektakulär, dass Jäger sie finden müssen. Damit will er zeigen, dass er mit ihnen spielt und ihnen überlegen ist.
Belohnung. Die Jäger haben 3000 Euro für Hinweise ausgesetzt, die zur Ergreifung des Täters führen.
Fehler. Suchtartige Steigerung der Taten, Selbstüberschätzung und Leichtsinn werden den Täter entlarven, sagt Profiler Haller.











