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Zuletzt aktualisiert: 31.12.2010 um 19:26 UhrKommentare

Warum kann das Glück zur Tretmühle werden?

Der deutsche Glücksforscher Alfred Bellebaum im Gespräch über das Glück und seine Schattenseiten.

Foto © APA

Herr Professor, wir wünschen uns am heutigen Tag alle Glück. Sie weigern sich als Glücksforscher seit Langem, Glück zu definieren. Warum?

ALFRED BELLEBAUM: Weil es immer völlig unterschiedliche Auffassungen von Glück geben wird. Es gibt so viele Vorstellungen über Glück. Da kann man bis zum Alten Testament zurückgehen, wo steht: "Und dann versuchte ich es mit dem Glück. Aber auch das ist nur Windhauch." Um wertfrei bleiben zu können, ist es sinnvoll, sich jeder inhaltlichen Definition zu entziehen und das Glück einfach als das zu benennen, was jeder Mensch für sich als Glück bezeichnet - in seiner Kultur, in seiner Epoche.

Bleiben wir beim 1.1.2011. Was halten Sie denn von der philosophischen Definition des Glücks als innerer Zustand einer harmonischen Zufriedenheit?

BELLEBAUM: Ob Kant das so gemeint hat, weiß ich nicht. Er wird ja dafür immer explizit als Kronzeuge angeführt, dass Glück ein unbestimmter Prozess ist. Die Stoiker meinten aber, es gehe darum, die Hauptaffekte in den Griff zu bekommen und in stoischer Ruhe und Gelassenheit sein Leben zu leben. Ich kann als Soziologe nicht wissen, wer nun recht hat. Wenn Sie aber das Glück mit Zufriedenheit definieren, haben Sie das Glück wegdefiniert.

Warum?

BELLEBAUM: Es ist ein Unterschied, ob mein Verstand sagt: Ich habe dieses Ziel erreicht. Oder ob ich von Emotionen überschwemmt werde. Bei der Zufriedenheit spielt das Rationale eine Rolle, beim Glück die Gefühle und die Realität liegt dazwischen.

Die Glücksforschung boomt. Manche Forscher verweisen auf ein Gen und meinen, die Fähigkeit zum Glücklichsein sei angeboren, andere behaupten, jeder könne glücklich werden. Kann man der Vieldimensionalität des Glücks überhaupt gerecht werden?

BELLEBAUM: Das ist schwer. Alle Wissenschaften, die es mit dem Menschen zu tun haben, haben es auch mit der Frage der Lebenszufriedenheit, des Lebenssinns zu tun und da ist man ganz schnell beim Glück. Sie haben gerade die Biologie angesprochen. Es gibt aber auch bei den Vertretern der Biologie keinen Konsens, ob es wirklich ein Glücksgen gibt. Es ist aber nicht auszuschließen, dass es Dispositionen gibt, die es manchen Menschen erleichtert, heiter durch das Leben zu gehen. Und andere gehen als Miesepeter durchs Leben. Wobei ich nicht Glück mit Heiterkeit gleichsetzen will. Es ist klar, dass es im Hirn Botenstoffe gibt, die für Glücksempfindungen entscheidend sind. Wenn hier die Balance fehlt, kann die biologische Verfasstheit keineswegs irrelevant für das Glück sein. Ob ein heiteres Gemüt aber genetisch bedingt ist oder soziale, erzieherische Hintergründe hat, weiß ich nicht. Wenn die Eltern nur Miesepeter sind, wird das auf die Kinder abfärben. Und was Menschen unter Glück verstehen, kann nicht aus der Struktur des Gehirns abgeleitet werden.

Sie haben 15 Jahre lang über das Glück geforscht. Was halten Sie denn von der Ratgeberliteratur über Wege zum Glück?

BELLEBAUM: Den Menschen wird pausenlos eingeredet, sie müssten glücklich sein und müssten das und dies machen, um dieses hehre Ziel zu erreichen. Das muss schiefgehen. Ideale sind nicht erreichbar und so ist das auch beim Glück. Wenn es heißt: "Sieben Wege zum Glück" oder "Streichen Sie an, wie oft Sie nicht schlafen konnten, wie viele Freundinnen Sie im letzten Jahr hatten", ist das sinnlos. Damit verschreckt man Menschen oder schafft Frustrationserlebnisse.

Was ist denn nach Ihren Untersuchungen der entscheidende Schlüssel für das Glück?

BELLEBAUM: Das ist empirisch gut erforscht. Am Anfang stehen gute partnerschaftliche Beziehungen und Gesundheit.

Der Glücksforscher David Halpern behauptet, dass eine gute Ehe jener Lebenszufriedenheit gleichkommt wie die astronomische Gehaltserhöhung von 100.000 Euro im Jahr. Was halten Sie davon?

BELLEBAUM: Das passt zu den Untersuchungen über die Relation von Glück und Wohlstand. Der materielle Wohlstand hat in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen, aber die Glück- und Zufriedenheitsdaten nicht. Daraus kann man vordergründig sagen, der Spruch "Geld macht nicht glücklich" stimmt. Er stimmt aber in anderer Hinsicht nicht, weil Geld die Basis sein kann, sich Dinge zu erlauben, die das Leben leichter machen.

Ab einer bestimmten Einkommenshöhe steigt das Glücksempfinden aber nicht mehr?

BELLEBAUM: Ja, das belegen auch Studien über Millionäre. Das positive Gefühl, reich zu sein, ist nicht etwas, das die Menschen über Jahre begleitet. Das wird zur Selbstverständlichkeit.

Schopenhauer meinte, Besitz nehme den Reiz und führe zu Wünschen. Stimmen Sie zu?

BELLEBAUM: Präziser als Schopenhauer kann man es nicht formulieren. Mit der Einschränkung, dass auch dies nicht generell gilt. Wir sind da beim Problem der Hintergrunderfüllung. Etwas, was wir besitzen, tritt tendenziell in den Hintergrund der Aufmerksamkeit und kann damit keine weiteren Energien freisetzen. Es kommt zum Sättigungsgefühl. Aber nicht für jene, die sich das nicht leisten können - davon gibt es Millionen.

Glück kann also auch zur Tretmühle werden?

BELLEBAUM: Man kann nicht ununterbrochen ein Fest feiern. Wer immer auf höchstem Konsumniveau lebt, wird es leid und kommt in eine Tretmühle. Ich glaube aber, dass sich derzeit die Ansprüche eher reduzieren und es um Bestandssicherung geht.

Ein letzter Versuch: Müsste ein Steckbrief über das Glück nicht doch möglich sein? Glück ist ja keine rein subjektive Angelegenheit.

BELLEBAUM: Nein, sonst wäre es nicht zu erklären, warum Millionen sich im Urlaub auf Reisen begeben. Da gibt es kollektive Glücksvorstellungen. Und wenn ich mit Millionen heute das Konzert der Wiener Philharmoniker höre, sind das kollektive Glückserlebnisse. Einverstanden, da wäre ein Steckbrief möglich.

INTERVIEW: CARINA KERSCHBAUMER

Zur Person

Alfred Bellebaum, geboren 1941 in Siegen. Emeritierter Professor für Soziologie an der Universität Koblenz, Honorarprofessor an der Universität Bonn.

Karriere. Der Soziologe forschte 15 Jahre lang über das Glück und gilt als Pionier der Glücksforschung.

Im Frühjahr erscheinen seine neuesten Forschungen über Missmut. Publikationen: "Langeweile, Überdruss und Lebenssinn", "Abschiede, Trennungen im Leben", "Glück hat viele Gesichter. Annäherungen an eine komplexe Lebensform", (Wiesbaden 2010)

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