Lebenserklärung einer Mafia-Chefin
Giuseppina Vitale war die erste Frau, die an der Spitze eines Cosa-Nostra-Bezirks stand. In ihrem Buch erklärt sie, wie es so weit kommen konnte - und warum sie schließlich zur Verräterin wurde.

Foto © APSizilien ist nicht immer so beschaulich.
Vielleicht wäre der Titel "Wie ich zur Mafia-Chefin wurde" passender gewesen. In vielen Details erzählt Giuseppina Vitale von ihrer Kindheit in Sizilien, im kleinen Ort Partinico, der untrennbar und unheilvoll mit der Mafia verwoben ist. Es ist eine ländliche Kindheit in einer von den drei älteren Brüdern dominierten Familie, voller Enge, Angst und Gewalt, in der es aber auch Zärtlichkeit gibt. Es ist eine Mischung, die auch das Mädchen mit ihrem Clan verwebt oder besser gesagt, es ihm völlig unterwirft.
Doch das Buch heißt "Ich war eine Mafia-Chefin" - und diese Geschichte, jene der ersten weiblichen Bezirkschefin der Cosa Nostra, die aus Liebe zu ihren Kindern zur "Pentita", zur Kollaborateurin mit der Justiz, wurde, findet der Leser erst am Schluss. Die Autorin will vor allem erklären, wie es dazu kommen konnte. Die Morde und Erpressungen, die sie organisierte, erwähnt sie nur am Rande. Dass Vitale Reue empfindet, liest man erst im Nachwort der Co-Autorin.
Dennoch, dieses Buch ist lesenswert. Nicht unbedingt wegen der manchmal verwirrenden Erklärungen des Systems und der vielen Namensnennungen von Mitgliedern. Es gewährt vor allem intime Einblicke in die Welt der Cosa Nostra, die bis in die 90er- Jahre den italienischen Staat mit ihrem Terror in seinen Grundfesten erschütterte. Der Leser erfährt, wie ganze Familien in den Sog der Mafia gezogen wurden. Überlebt haben nur jene, die auf der richtigen Seite standen und das war immer der mächtigste Clan. Es zeigt aber auch einen anderen, weiblichen Blick darauf.
Denn Giuseppina Vitale war lange eine jener Frauen, die für die Mafia unersetzlich waren: die in völliger Untergebenheit ihren Männern, Brüdern und Vätern gegenüber die Kinder im Sinne der Cosa Nostra erzogen. Auch, als sie selbst zur Chefin wurde, führte sie vor allem das Leben ihrer Brüder weiter, da diese nun im Gefängnis saßen.
Doch Vitale hat sich befreit. Weil sie zur Kronzeugin wurde, durfte sie 2005 das Gefängnis verlassen und lebt seither mit ihren Kindern in einem Zeugenschutzprogramm. Ihre Familie hat sie dafür verstoßen. Das Buch ist auch eine Botschaft an sie. SONJA HASEWEND











