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Zuletzt aktualisiert: 16.12.2010 um 19:21 UhrKommentare

Prisching: Von wahrer Jugend zum Fassaden-Ich

Am Sonntag wurde Manfred Prisching 60. Am Freitag bekommt er das Große Ehrenzeichen der Republik. - Ein Gespräch über junge Sechziger, alte Bluffer, Gelassenheit und die Grenzen der Weisheit.

Foto ©

Herr Professor, hat Ihnen heute beim Aufstehen etwas wehgetan?

MANFRED PRISCHING: Aber ja, immer! Es fängt alles ein bisschen zu lempern an, die Glieder werden steif, der Rücken schmerzt ein bisschen.

Charles Chaplin hat gemeint, ab einem gewissen Alter tut auch die Freude weh. Ist's bei Ihnen schon so weit?

PRISCHING: Nein, Sechzig ist ja nicht wirklich ein biologischer Bruch, du kletterst genau so schnell oder langsam aus dem Bett wie am Tag zuvor, es ist also eher ein symbolischer Bruch. Wenn der Sechziger mit Feierritualen verbunden ist, ist es natürlich eine Art Reflexionsrempler, vielleicht der Zeitpunkt, an dem du dich fragst, was habe ich hinter mir, was habe ich vor mir.

In unserer Jugend wirkten 60-Jährige uralt auf uns, heute eher nicht. Ist das bloß eine subjektive Verschiebung der Wahrnehmung oder hat sich wirklich etwas geändert?

PRISCHING: Beides ist der Fall. Zum einen sind wir einfach zumeist besser beinander, als die edlen Greise von vor ein paar Jahrzehnten. Zum anderen kommen wir aus einer Zeit, in der Jugendlichkeit professionalisiert und faktisch auf Dauer gestellt worden ist. Und da übersehen wir dann, dass wir schon so alt geworden sind. Wir haben immer noch das Gefühl, zum Nachwuchs zu gehören und gehören tatsächlich längst in die letzte Kategorie.

Es gibt diesen Begriff von der "Entalterung des Alters", ist da was dran?

PRISCHING: Ja, das habe ich ja gemeint und es gibt auch schon fast kindische Formen davon.

Das Web kennt die Silver Surfers, die Konsumartikelindustrie die Best Agers, in der Werbung dreht sich dennoch fast alles um die Jugend, warum?

PRISCHING: Ökonomisch ist das ein logisches Kalkül: Die heute Jungen stehen einfach noch länger als Konsumenten zu Verfügung und sollen daher enger an die Produkte gebunden werden. Die Alten sind zwar gut versorgt, aber als mögliche Profitquellen sind sie Auslaufmodelle. Es gibt zusehends mehr Werbeaktivitäten, die sich an die Senioren richten, nur wollen die meist auch nicht als solche angesprochen werden. Zeitschriften, die für Fünfzig-, Sechzigjährige angelegt sind, haben zumeist Models, die um die Vierzig sind. Dieses Alter ist den Lesern plausibel, weil sie sich so noch in Erinnerung haben, bzw. weil sie sich noch so fühlen.

Wenn man sich die Aktivitäten der Herren Schilcher, Androsch, Raidl etc. anschaut, gewinnt man fast den Eindruck, die hätten mehr Weitblick als ihre jüngeren Kollegen, sehen Sie das auch so?

PRISCHING: Na ja, die zelebrieren einerseits eine Rolle als Elder Statesmen, die ja sehr angesehen ist. Andererseits entstammen sie alle einer Generation, die große Visionen bzw. eine Verbesserung der Gesellschaft noch für möglich gehalten hat . . .

. . . und war das ein Irrtum oder gibt es dafür heute keine geeigneten Personen mehr?

PRISCHING: Der Selektionsmechanismus ist sehr viel härter, das Geschäft sehr viel komplizierter geworden, das hängt auch mit der Mediengesellschaft zusammen. Und im Schatten der Wirtschaftskrise ist wohl auch das Gefühl verwichen, die Welt neu erfinden zu können.

In Ihrem jüngsten Buch "Das Selbst. Die Maske. Der Bluff " über einen mit steigendem Aufwand inszenierten "Jugendlichkeitsbluff", was genau ist damit gemeint?

PRISCHING: Der Bluff ist, dass man ein Potemkinsches Ich aufbaut, nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst gegenüber. Man imaginiert sich in eine jugendliche Persönlichkeit, die man nicht ist, wiewohl das von der Gesellschaft fast schon als Standard verlangt wird. Jung, dynamisch, gut drauf sein, ist für High Potentials heute zu einer Art Pflicht geworden.

Und ab wann wird das peinlich?

PRISCHING: Wenn das Ganze hohl zu klingen beginnt, wenn die Kluft zwischen dem Fassaden-Ich und der tatsächlichen Befindlichkeit zu weit auseinanderklafft.

Worauf muss ein Mensch, der in den Herbst seines Lebens eintritt, besonders achten?

PRISCHING: Dass er noch genauer darauf schaut, worauf es wirklich ankommt. Also Familie, Freunde, Kommunikation, dass man da eine gewisse Einbettung hat. Aber auch, dass man Dinge tut, die man schon lange vor sich her geschoben hat. Dinge, die man stets im Bereich des Zukünftigen gesehen hat, der aber jetzt doch stark geschrumpft ist.

Womit könnte denn ein Sechzigjähriger seine Unreife zeigen?

PRISCHING: Wenn er in diesem Alter noch keine Gelassenheit erlernt hat, gegenüber der Welt, dem sozialen Umfeld und auch im Beruf. Das hat nichts mit Gleichgültigkeit zu tun, die ist ganz etwas anderes, die ist ein Ausgleiten ins Alter, bei dem man sich bei jeder Gelegenheit sagt, das geht mich jetzt alles nichts mehr an.

Worin liegen für Sie die viel zitierten Freuden des Alters?

PRISCHING: In eben dieser Gelassenheit, die viel mit Lebenserfahrung zu tun hat. Man hat das Gefühl, dass man ein paar Dinge doch besser durchschaut, schneller in den Griff kriegen und umfassender reflektieren kann. Das macht wirklich Spaß und Freude. Aber die Weisheit, die man mit Zwanzig einem Sechzigjährigen zugeschrieben hat, die stellt sich auch nicht ganz ein.

Und welche altersbedingte Veränderung geht Ihnen schon jetzt auf die Nerven?

PRISCHING: Dass ich doch ein bisschen mit meinen Kräften haushalten muss. Sechs Stunden Vorlesung waren früher überhaupt kein Problem, heute geht das zwar auch noch, aber danach brauche ich eine Stunde Erholung, mit einem Kaffee vielleicht, damit ich weiterarbeiten kann. Da bekommt man schon irgendwie das Gefühl einer gewissen Begrenztheit.

Stimmt die Behauptung, man sei so alt, wie man sich fühle?

PRISCHING: Jein, wenn man sich selbst abschreibt, gibt es einen Verfallsprozess, der auch physiologisch nachweisbar ist. Andererseits bleibt man nicht jung, wenn man sich entsprechend dumm aufführt.

Und ab wann gedenken Sie sich wirklich alt zu fühlen?

PRISCHING: Der Statistik nach lebe ich mit etwas Glück noch etwa zwanzig Jahre. In intellektuellen Berufen hat man ja das Problem oder Privileg, dass man auch in der Pension fast das Gleiche macht wie davor. Aber man muss es sich genauer einteilen, alles wird nicht mehr möglich sein.

Ganz ehrlich, wenn Ihnen eine gute Fee heute ein Alter zur Auswahl stellen würde, welches würden Sie wählen?

PRISCHING: Mein jetziges, ganz sicher. Aber zugegebenermaßen würde ich in dieser Phase ganz gerne ein wenig stehen bleiben.

William Somerset Maugham sagte, im Alter bereue man vor allem die Sünden, die man nicht begangen habe. Welche Sünden sind das bei Ihnen?

PRISCHING: Ich war nicht wirklich ein Teil der Endsechziger-Studentenbewegung und auch ihrer Exzesse. Da wäre vielleicht das eine oder andere, das man erleben hätte können, ganz reizvoll gewesen.

INTERVIEW: FRIDO HÜTTER

Zur Person

Manfred Prisching, geboren am 12. Dezember 1950 in Bruck.

Studien: Jus, Volkswirtschaftslehre, Soziologie.

Gastprofessuren in Havard, Little Rock, New Orleans, Las Vegas.

Autor zahlreicher Bücher z. B. "Krisen", "Die McGesellschaft", "Good Bye New Orleans", "Das Selbst. Die Maske. Der Bluff".

Professor an der Karl-Franzens-Universität Graz.

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