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Zuletzt aktualisiert: 08.12.2010 um 22:05 UhrKommentare

Pisa-Sieger: Eliten zwischen Drill und Förderung

Schanghai, Südkorea und Finnland haben in der Pisa-Studie mit Abstand die besten Schüler. Ein Besuch bei den Testsiegern.

Bildungsdogma in Finnland: "Wir müssen noch besser werden"

Foto © APABildungsdogma in Finnland: "Wir müssen noch besser werden"

Während Österreich sich vom Schock des Pisa-Resultats noch erholen muss, während die Diskussion über Ursachen für das Scheitern tobt, könnten sich Lehrer und Schulpolitiker in Schanghai, Südkorea oder Finnland zurücklehnen. Die drei Länder gehören im jüngsten Pisa-Leistungsvergleich zur absoluten Champions League.

Absolute Nummer eins in den Bereichen Lesekompetenz und Mathematik ist mit dem maximal erreichbaren Spitzenwert von 600 Punkten die Region Schanghai, die erstmals an dem Test teilgenommen hat. Es folgen Südkorea, Singapur und Hongkong sowie Finnland als einziges europäisches Land. Österreich erzielte in Mathematik 494 Punkte, in der Lesekompetenz nur noch 470 Punkte.

Was ist der Grund für die Spitzenwerte chinesischer und finnischer Schüler, deren Schulsysteme völlig konträr sind? In China dominieren Leistungsdruck und Elitendenken, in Finnland vor allem individuelle Förderung.

Das Modell Finnland

Eines fällt auf, wenn man sich mit finnischen Bildungsexperten und Lehrern unterhält. Sie sagen oft: "Wir müssen noch besser werden." Sich nicht auf Lorbeeren auszuruhen, ist ein Markenzeichen des Bildungssystems jenes Landes, das bei den Pisa-Studien konstant weit vorne liegt. Ein weiteres ist Flexibilität. Veränderungen auf Strukturebene finden statt, in der Schulpraxis ist man nicht so sehr in starren Strukturen gefangen. Besonders widmen sich die Finnen der Förderung einzelner Schüler von Anfang an.

"Pisa-Pilgerreisen" nach Finnland

Weil andere sich davon etwas abschauen wollen, sind "Pisa-Pilgerreisen" aus ganz Europa in das kleine Land im Norden schon lange zur Mode geworden. Kritiker bedauern zwar eine Idealisierung des finnischen Systems, das oft in allen Punkten als Vorbild herhalten müsse. Sicher ist jedoch: Die finnischen Schüler sind in allen Pisa-Bereichen spitze. Über das Warum gibt es viele Thesen, doch sogar Skeptiker, die etwa auf Amokläufe in finnischen Schulen hinweisen, sprechen angesichts der Pisa-Ergebnisse von einem "Mythos Finnland".

Grundlegende Reformen jedenfalls haben im Fünf-Millionen-Einwohner-Land schon in den 1970er-Jahren stattgefunden und das System wird weiterentwickelt. Es ist eine Kultur des Förderns, das in Finnland Sache der Schule und nicht von Nachhilfeinstituten ist. Schneidet ein Schüler schlecht ab, dürfen die Lehrer nicht fragen, wer Schuld daran hat, sondern: Wie können wir ihm helfen? Dabei wird der Lehrer nicht allein gelassen; in jeder Schule gibt es Sonderpädagogen, Sozialarbeiter, Schullaufbahnberater, Schulpsychologen und eine Schulkrankenschwester. Kommt ein Kind nicht mit, wird es in einer kleineren Gruppe individuell betreut, bleibt aber trotzdem Teil der Klasse.

Das gilt auch für Kinder aus Migrantenfamilien, deren Anteil in Finnland geringer ist, der aber stetig steigt. Ein Sitzenbleiben gibt es nur in Ausnahmefällen. Bis zur neunten Stufe gibt es eine gemeinsame Schule. Das Angebot der Nachmittagsbetreuung ist selbstverständlich. Die "Duz- und Vornamenkultur", die Nichtfinnen gerne als Lockerheit missverstehen, täuscht allerdings. Spielerisch ist die Schule nicht, Leistung wird gefordert. Und: Obwohl Lehrer in Finnland nicht besonders gut verdienen, reißen sich viele Bewerber um die Lehrerausbildungsplätze an den Unis.

Autorin: Sonja Hasewend

Das Modell China

Mit Schanghai brilliert im internationalen Leistungsvergleich ein System, das im Ausland vor allem mit Druck und Drill in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich ist das Lernpensum chinesischer und koreanischer Schüler oft gewaltig, doch der Erfolg hat auch kulturelle und sozioökonomische Ursachen. Lernen steht in Chinas konfuzianischer Kultur, die auch Korea und Japan geprägt hat, seit jeher im Zentrum des Wertekanons. Studienfleiß - und nicht etwa Gott oder Herkunft - sollten über Wohlstand und soziale Stellung entscheiden.

Sozialer Aufstieg wurde systematisch ermöglicht, indem die traditionellen Beamtenprüfungen auch Menschen aus armen Verhältnissen die Möglichkeit gaben, in den Regierungsdienst zu treten. Oft investierten ganze Großfamilien in die Ausbildung eines talentierten Kindes, in der Hoffnung, dass davon eines Tages die ganze Sippe profitieren würde.

Massiver Leistungsdruck

Diese Kultur wirkt bis heute nach. Chinesische und koreanische Eltern geben einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens für Nachhilfeunterricht aus. Selbst Kinder mit guten Zeugnissen haben oft bis spät in die Nacht Förderunterricht. Von allen Seiten wird Leistungsdruck aufgebaut. In den Schulen werden Testergebnisse am Schwarzen Brett ausgehängt oder Sitzplätze im Klassenraum nach Notendurchschnitt vergeben. Am Ende eines Schuljahres können Kinder mit guten Zeugnissen an bessere Schulen aufsteigen, schlechte werden zurückgestuft.

Die Nachteile dieser Elitenauswahl werden auch in Asien kontrovers diskutiert: So sehr talentierte und nervenstarke Schüler von diesem System profitieren, so wenig Rücksicht nimmt es auf leistungsschwächere oder weniger belastbare Kinder. Außerdem konzentriert sich alles auf Kernfächer - Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften. Geisteswissenschaftlicher Unterricht, Kunst, Musik oder Sport spielen eine untergeordnete Rolle - es sei denn, ein Kind qualifiziert sich mit einer außerordentlichen Begabung für eine spezialisierte Schwerpunktschule. Raum für Hobbys und Selbstfindung gibt es nicht. Selbst viele außerschulischen Aktivitäten wie Instrumentalunterricht oder soziales Engagement stehen unter dem Diktat der Leistung, weil die Schulen dafür häufig Sonderpunkte vergeben.

Autor: Bernhard Bartsch/Peking


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