Bettler für einen Vormittag
Die Diskussion um ein Bettelverbot in Kärnten geht weiter. Wie fühlen sich Bettler auf öffentlichen Plätzen? Ein Selbstversuch in Klagenfurt aus einer anderen Perspektive.

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Mittwoch, 10 Uhr vormittags. Auf dem Weg zu meinem Bettelstandort auf dem Alten Platz beschleicht mich ein Gefühl von Einsamkeit und Erniedrigung. Der Gedanke an die öffentliche Bloßstellung lähmt den Körper. Nur langsam gewöhne ich mich an meine Rolle, versuche in Blickkontakt mit Passanten zu treten und ernte erste verächtliche Blicke. Die meisten schenken der traurigen Gestalt keine Beachtung.
Für Klagenfurts Stadtpolizeikommandant Eugen Schluga ist Letztere die richtige Vorgangsweise. "Würden die Menschen den Bettlern kein Geld mehr geben, hätten wir Ruhe." Laut Schluga werden täglich etwa acht Bettler aus Rumänien von einer organisierten Bande in die Stadt gebracht, im Stundentakt müssten diese ihr Geld abliefern. Essen oder Kleidung würden sie ablehnen. Gesetzeswidrige Handlungen konnten ihnen nicht nachgewiesen werden.
Einige Münzen sind mittlerweile in meinem Plastikbecher gelandet, die Spender schauen mir in die Augen und freuen sich über ein gequältes "Danke". Ein anderer Bettler humpelt auf Krücken vorbei und mustert mich kritisch. Trotz doppelter warmer Unterwäsche wird die Kälte, in Verbindung mit Wind und Schnee, immer unangenehmer. Mein Zeitgefühl geht verloren. Wie lang ich wohl schon hier sitze? Eine halbe Stunde, eine Stunde? Ein junger Mann stellt mir einen Becher heißen Tee hin, den ich dankend annehme. "Jetzt wäre ich fast über dich drüber gefallen, schau das du hier weg kommst", schreit mich ein älterer Herr an. Andere tuscheln lieber. "Diese unerträgliche Bettelei. Der soll lieber Schneeschaufeln. Wir haben ja auch kein Geld."
Bettelverbot geplant
Stadtrat Wolfgang Germ, FPK-Sicherheitssprecher, will ein Bettelverbot umsetzen. "93 Prozent der Bürger sind gegen das organisierte Betteln", postete er gestern auf seiner Facebook-Seite und erntete breite Zustimmung. Bettelnde Ausländer gehören abgeschoben, die müssen weg von der Straße, lautet der Tenor. Die Stadt hat keine gesetzliche Möglichkeit, ein entsprechender Antrag zur Novellierung des Landessicherheits-Polizeigesetzes soll aber bald im Landtag eingebracht werden. Germ will dem "organisierten Betteln Einhalt gebieten". Für wirklich Bedürftige gäbe es genug Einrichtungen in Klagenfurt, diese müssten nicht auf die Straße. Ein Dilemma für hilfsbereite Menschen. Wer bettelt aus persönlicher Armut, wer "arbeitet" für organisierte Gruppen?
Jetzt muss ich wohl schon zwei Stunden auf meinem Platz sitzen. Die zerfetzten Turnschuhe sind total durchnässt, die Kälte lässt meinen ganzen Körper zittern. Und ich bekomme Menschlichkeit zu spüren. "Komm, ich nehme dich mit zum Essen!", fordert mich ein etwa 30-jähriger Mann auf. Verunsichert verharre ich in meiner Position.
Polizei beendet Versuch
Solidarität gibt es offenbar auch unter Bettlern, ein "Kollege" warnt mich vor der Polizei. Minuten später trifft tatsächlich ein Beamter ein. "Steh auf, Betteln ist verboten!", sagt er in harschem Tonfall. Ich stelle mich stumm. "Verstehst mich nicht? Nix Betteln." Langsam packe ich meine Sachen und schleiche davon. In gut zwei Stunden kommen 21 Euro zusammen. Der Betrag geht an die Aktion "Kärntner in Not".
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21 Euro kamen zusammen - und werden an die "Kärntner in Not"-Aktion gespendetFoto © Weichselbraun
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Bild vergrößernWolfgang Fercher wurde von einem Polizisten zum Gehen aufgefordert Foto © Weichselbraun











