Warum so viele Kinder nicht lesen können
Jeder sechste Volksschulabgänger vermag den Sinn von Texten nicht zu erfassen. Im Erwachsenenalter kann jeder Zwölfte immer noch nicht richtig lesen. Ursachen eines alarmierenden Phänomens.

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Einen Erlagschein ausfüllen, einen Beipackzettel lesen oder die Menükarte im Restaurant - für viele Österreicher ist das schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Sie sind sogenannte funktionale Analphabeten, haben zwar in der Schule die Buchstaben gelernt und können einfache Worte lesen, scheitern aber schon an etwas längeren Texten.
300.000 solcher Analphabeten gibt es der Unesco zufolge in einem reichen Land wie Österreich. Experten gehen sogar von bis zu 700.000 aus. Ungefähr jeder Zwölfte kann demnach nicht sinnerfassend lesen. Das alles beruht allerdings auf Schätzungen. Nicht nur, weil es noch keine umfassenden Studien gibt, sondern auch, weil dieses Thema nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu ist. Die neueste Pisa-Studie - diesmal mit Schwerpunkt Lesen - zeigt, dass es uns auch weiterhin beschäftigen wird.
Schon vor Bekanntgabe der Ergebnisse ist durchgesickert, dass Österreichs Schüler schlechter abgeschnitten haben sollen als beim letzten Mal. Schon damals, 2006, lagen sie unter dem OECD-Durchschnitt. Die Pirls-Lesestudie, ebenfalls aus 2006, bestätigt das. Jeder sechste Volksschulabgänger kann demzufolge nur unzureichend lesen.
Kein neues Phänomen
Wächst also, überspitzt formuliert, eine Generation der Analphabeten heran? Neu sei das Phänomen nicht, sagt Antje Doberer-Bey, die sich seit 20 Jahren damit beschäftigt: "Das hat es immer gegeben. Geändert hat sich unser Blick darauf, weil sich die Anforderungen massiv geändert haben - sie gehen in die Höhe." Anders als früher gibt es heute fast keinen Arbeitsplatz mehr, an dem man nicht lesen und schreiben können muss.
Die schriftsprachlichen Fähigkeiten sind viel wichtiger geworden. "Lesen und Schreiben wird in unserer Gesellschaft so hoch bewertet, dass jemand, der es nicht kann, schnell als dumm oder behindert gilt", sagt Doberer-Bey.
Wer würde da erzählen, dass er es nicht kann? So lässt sich leicht erklären, warum das in Österreich noch immer ein Tabuthema ist. Auch, weil man sich schämt, man ist ja schließlich einmal in die Schule gegangen. Doch durch ebendiese rutscht offensichtlich ein Teil der Kinder und Jugendlichen durch, ohne die grundlegenden Fähigkeiten zu erlernen.
"Das Schulsystem hinkt hinterher. Es vermittelt oft Inhalte, die fern der Lebenswelten der Schüler sind. Das beginnt in der Volksschule", sagt Doberer-Bey. Gerade die virtuellen Welten, in denen sie sich bewegen, werden nicht genügend einbezogen. Dazu komme, dass zu Hause oft nicht gelesen und vorgelesen wird, Eltern ihren Kindern eine Lesekultur nicht vorleben.
Schichtenproblem
Das sei in vielen Fällen auch ein Schichtenproblem. "Wenn sie die Zustände zu Hause sehen, haben Lehrer oft das Nachsehen und geben nach mehrfacher Klassenwiederholung dann doch einen Vierer", so die Expertin. Oder sie werden in Sonderschulen abgeschoben, wie das häufig Kindern aus Migrantenfamilien geschieht. "Dort sind sie dann unterfordert", so Doberer-Bey, "Das erzeugt Frustration."
Oft, erzählt sie, kommen Männer in Alphabetisierungskurse, die erzählen, dass sie "schwierige Schüler" waren, mit denen keiner zu Recht kam. Bis sie in der Sonderschule landeten. Erst heute müssen sie, obwohl gar nicht dumm, mühsam lernen, zu lesen und zu schreiben. Leitartikel Seite 8











