Bub am Schutzweg überfahren: Teilbedingte Haft
Jener Autofahrer, der im Mai 2010 in Wien-Döbling einen achtjährigen Buben auf einem Schutzweg ungebremst überfahren und zu Tode gebracht hatte, muss für drei Monate ins Gefängnis.

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Der 51-jährige Gemüsehändler ist am Donnerstag im Straflandesgericht wegen fahrlässiger Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen zu einer einjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden, wovon ihm Richterin Minou Aigner neun Monate unter Setzung einer dreijährigen Probezeit auf Bewährung nachsah.
Bedenkzeit erbeten
Darüber hinaus hat der Unglückslenker den Eltern des kleinen Fabian die Begräbniskosten zu ersetzen und für alle zukünftigen Kosten der Hinterbliebenen aus therapeutischen Behandlungen aufzukommen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Der 51-Jährige erbat Bedenkzeit, die Staatsanwältin gab vorerst keine Erklärung ab.
Der 52-Jährige war - wie festgstellt wurde - unter Medikamenteneinfluss gestanden: Er hatte in der Früh zwei blutdrucksenkende Tabletten eingenommen, wobei Schläfrigkeit als eine Nebenwirkung des Mittels Amlodipin bekannt ist. Für die Anklagebehörde stand fest, dass er sich dadurch in einen Zustand versetzt hatte, in dem er keinesfalls Auto fahren hätte dürfen.
Gefährliche Kreuzung
An der Kreuzung Döblinger Hauptstraße - Pyrkergasse dürfte er dann den Volksschüler einfach übersehen haben. Zusammen mit zwei Mitschülern hatte dieser sich am Heimweg befunden. Die drei Viertklässler überquerten vorschriftsmäßig den Schutzweg, der von einem Schülerlotsen gesichert wurde, weil die Kreuzung als gefährlich bekannt war: Ein 14-Jähriger war nur wenige Wochen vorher am Zebrastreifen angefahren und verletzt worden. Bereits 2008 hatte ein Pkw zwei Mädchen erfasst. Ampel gab es an dieser Stelle - angeblich aus platztechnischen Gründen - keine.
Der schwarze Mercedes touchierte den Lotsen seitlich und den Bub Fabian voll. Der Achtjährige hatte keine Überlebenschance. Der Unglückslenker, bei dem keine Alkoholisierung festgestellt werden konnte, gab unmittelbar nach dem schrecklichen Unfall an, er habe "kurz die Augen zugemacht" bzw. "ein Blackout gehabt".
"Normalerweise sehe ich alles"
"Ich fahre schon seit 36 Jahren und habe noch nie einen Unfall gehabt. Ich habe viele gefährliche Unfälle vermieden. Normalerweise sehe ich alles. Dieser Unfall war wirklich eine Falle", stellte der Autofahrer fest, der den kleinen Fabian W. niedergefahren hatte. Entgegen seiner Darstellung am Unglücksort, wo er unmittelbar nach der Kollision aus dem Auto gesprungen war und geschrien hatte, er wäre eingeschlafen, versicherte er vor Gericht, dies wäre nicht der Fall gewesen: "Ich war ganz einfach unachtsam".
Für die Richterin stand fest, dass die übermäßige Einnahme eines blutdrucksenkenden Medikaments die Ursache für den Unfall war. Der 51-Jährige pflegt seit mehreren Jahren regelmäßig zwei Amlodipin-Tabletten pro Tag zu sich zu nehmen, obwohl der Hersteller ausdrücklich nur die Gabe von einer Tablette täglich empfiehlt und vor Schläfrigkeit, Schwäche und kurzfristigem Bewusstseinsverlust an möglichen Nebenwirkungen gewarnt wird.
Am Tag vor dem Unfall hatte der Gemüsehändler wie üblich morgens und abends die Kapseln eingenommen. Wie der Gerichtsmediziner Christian Reiter ausführte, lag damit zum Unfallzeitpunkt eine "Überdosierung" vor. "Dieses Dosierungskonzept ist mit einem sehr hohen Risiko behaftet, dass Nebenwirkungen auftreten", sagte der medizinische Sachverständige. Als mögliche Unfallursachen kamen für Reiter daher Unachtsamkeit, Einschlafen oder eine "arzneimittelbedingte Beeinträchtigung des Bewusstseinszustandes" infrage.
Obwohl der Angeklagte versicherte, das ihm von seinem Hausarzt verschriebene Medikament mache ihn nicht müde, bemerkte die Richterin in ihrer Urteilsbegründung: "Sie haben sich damit in einen Zustand gebracht, der ihre Reaktionsfähigkeit und Ihre Fähigkeit, am Verkehr teilzunehmen, massiv reduziert hat". Folglich wurde 51-Jährige wegen fahrlässiger Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen schuldig erkannt hat, was im Unterschied zur "gewöhnlichen" fahrlässigen Tötung den Strafrahmen von einem auf drei Jahre erhöhte.
Trotz des tödlichen Unfalls hat sich der Arzneimittel-Konsum des 51-Jährigen nicht geändert. Er fährt auch nach wie vor Auto, nachdem er Amlodipin zu sich genommen hat.
"Er ist umgefallen wie ein Strohhalm"
Tausende Male habe er die Döblinger Hauptstraße befahren. Nie sei etwas passiert. Am 18. Mai habe er sich auf dem Weg zu einem Schuhmacher befunden, um sich Schuhe reparieren zu lassen. Er habe weder den Schülerlotsen gesehen, der die Straße absicherte, noch die drei Kinder, die im Begriffe waren, die Fahrbahn am Schutzweg zu überqueren, versicherte der Angeklagte in seiner Einvernahme.
"Der Weg war frei", behauptete der 51-Jährige. Er sei mit höchstens acht Stundenkilometern in die Kreuzung eingefahren. Erst unmittelbar vor der Kollision habe er Fabian wahrgenommen: "Ich wollte ausweichen, habe gebremst, und trotzdem passiert mir das." Der Bub hatte keine Überlebenschance, er wurde von dem schwarzen Mercedes überrollt. "Armer Fabian. Er tut mir so leid. Es ist so schnell passiert. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort", sagte der Lenker.
Mehrere Zeugen, darunter vor allem der Schülerlotse, widersprachen der Version des Angeklagten. Demnach stand der Lotse - ein 20 Jahre alter Zivildiener - mit ausgebreiteten Armen und einer Kelle in der rechten Hand mitten auf der Fahrbahn, als Fabian und zwei Mitschüler des Achtjährigen auf die andere Straßenseite gelangen wollten. In seinem Rücken vernahm der Lotse dann ein Motorengeräusch. "Der Mercedes ist direkt unter meinem Arm durchgefahren. Wenn ich die Kelle nicht in die Höhe reiß', hätte er sie erwischt", erklärte der Bursch im Zeugenstand.
Dem Lotsen gelang es noch, Fabians Klassenkameraden an sich zu ziehen, doch musste er mitansehen, wie im selben Moment der ein paar Meter vorausgehende blonde Bub überrollt wurde: "Er ist umgekippt wie ein Strohhalm."
Der Vater des ums Leben gekommenen Volksschülers ist seither in psychotherapeutischer Behandlung. Auch die Mutter und die beiden Geschwister - sechs und zwei Jahre alt - leiden massiv an den Folgen der Tragödie. Die Eltern nahmen als Zuseher an der Verhandlung teil.
Auch der Unglückslenker befindet sich in einem äußerst angeschlagenen Zustand. In einem fachärztlichen Bulletin eines Neurologen wird der 51-Jährige als "schwer traumatisiert" beschrieben. Der Mann war demnach eine Zeitlang selbstmordgefährdet und hat Antidepressiva verschrieben bekommen. Zudem steht er in psychologischer Behandlung. Zur Verhandlung wurde der fünffache Vater und mehrfache Großvater von seiner Ehefrau, einem Bruder und einigen Söhnen begleitet.










