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Zuletzt aktualisiert: 26.08.2010 um 19:28 UhrKommentare

Mont Blanc: 900 Familien von Wassermassen bedroht

Französische Geologen sind derzeit damit beschäftigt, einen See in einer Gletscherhöhle ohne natürlichen Ablauf am Mont Blanc abzupumpen. Misslingt der Versuch, sind hunderte Familien in akuter Lebensgefahr.

Geologen versuchen derzeit am Mont Blanc einen Gletschersee, der sich im Inneren des Gletschers befindet, abzupumpen

Foto © APGeologen versuchen derzeit am Mont Blanc einen Gletschersee, der sich im Inneren des Gletschers befindet, abzupumpen

Ein riesiger Gletschersee bedroht Hunderte Familien im Mont-Blanc-Massiv in Ostfrankreich. Fachleute begannen am Mittwoch, das Wasser aus dem See in 3.200 Metern Höhe abzupumpen, bevor es sich in Form einer Flutwelle über das Tal ergießt. Der Bürgermeister der betroffenen Ortschaft Saint-Gervais-les-Bains, Jean-Marc Peillex, hat die Bewohner bereits über dieses Worst-Case-Szenario informiert. Der See habe sich in einer Gletscherhöhle gebildet, die keinen natürlichen Ablauf habe und deshalb bersten könnte. Bei einer ähnlichen Katastrophe im Jahr 1892 waren 175 Menschen in dem Tal ums Leben gekommen.

"In Zeiten des golbalen Erwärmung sind solche Phänomene nicht selten, immerhin gehen diese mit der Gletscherschmelze einher", weiß Martin Mergili vom Institut für angewandte Geologie der Uni Wien. Die Seen entstehen durch das Schmelzwasser. Die große Problematik ist, dass diese häufig im Inneren der Gletscher entstehen und somit für die Wissenschaftler nur schwer erkennbar sind. Auch am Mont Blanc handelt es sich um solch einen verborgenen Gletschersee.

Verursacht durch globale Erwärmung

Die Gletscherschmelze wird zwar nicht ausschließlich durch die Erderwärmung verursacht, da auch andere hochkomplexe geologische Vorgänge hierbei mitspielen. Dennoch geht die Wissenschaft davon aus, dass der Rückgang der Gletscher und damit auch die Entstehung von Gletscherseen "generell mit der globalen Erderwärmung zu tun hat", so Mergili.

Französische Gletscherforscher hätten jüngst eine Ansammlung von 65.000 Kubikmetern Wasser in dem Berg festgestellt, sagte Bürgermeister Jean-Marc Peillex. Nur eine einzige Höhle mit 25.000 Kubikmetern Wasser sei aber eindeutig lokalisiert, sie werde nun bis Mitte Oktober ausgepumpt. Möglicherweise sei sie mit anderen Höhlen verbunden, sodass noch mehr herausgepumpt werden könnte. Sollte das Wasser die Höhle zum Bersten bringen, könne es binnen einer Viertel- bis halben Stunde ins Tal stürzen und knapp 900 Familien in Lebensgefahr bringen, sagte Peillex. Im Juli sei ein Warnsystem für die Anrainer eingerichtet worden.

Seltenes Phänomen in Österreich

Auf den österreichischen Gletschern ist die Bildung von Gletscherseen zwar selten, jedoch nicht ganz auszuschließen. Im 18. Jahrhundert sorgte ein solcher See im Öztal für massive Zerstörung. Der bis vier Quadratkilometer große "Gurgler Eissee" brach in den Jahren 1717 und 1770 durch und verwüstete das Gurgler Tal und das Ötztal. Momentan ist den Geologen in Österreich kein Gletschersee bekannt. Eine Situation, die sich jedoch innerhalb weniger Jahre ändern kann. "Schmelzen die Gletscher in derselben Intensität weiter, könnten wir schon in weniger als zehn Jahren, mit einem ähnlichen Problem konfrontiert sein," warnt Mergili. Zwar könnten sich auf unseren Gletschern nicht so große Gletscherseen bilden, doch auch von kleineren Eisseen geht eine massive Gefahr für den Menschen aus. Kommt es zum Ausbruch, donnert die Flutwelle mit rund 50 Kilometern pro Stunde talwärts. Dabei reißt sie alles mit, was ihr in die Quere kommt und entwickelt sich dadurch zu einer Mure. Die Masse der Welle kann sich dabei durchaus verdreifachen und wird so zur tödlichen Gefahr für Mensch und Tier.

Der Rückgang der Gletscher stellt weltweit einen wissenschaftlich nachgewiesenen Trend dar. Auch die österreichischen Gletscher entsprechen diesem Trend. "In 50 bis 100 Jahren könnte es durchaus sein, dass die heimischen Gletscher bis auf die Hälfte der heutigen Größe zurückgegangen sind", mahnt Geologe Mergili. Generell gilt es dem Geologen zufolge auf diesem Gebiet vorsichtig mit Zahlen umzugehen, dennoch handelt es sich hierbei um ein durchaus realistisches Szenarium. "Nicht einmal ein radikales weltweites Umdenken könnte die Gletscherschmelze aufhalten. Damit hätten vielmehr bereits unsere Großväter beginnen müssen", so Mergili. Bis sich unser Handeln auf das weltweite Klima auswirkt, dauert es immerhin Jahrzehnte. "Zum Umdenken", fügt der Geologe hinzu, "ist es jedoch nie zu spät"...

DANY JONES/APA

Wie entsteht ein Gletschersee im Inneren eines Gletschers?

Bedingt durch die globale Erwärmung schmelzen die Gletscher weltweit. Dabei werden die Gletscher auch im Inneren zerstört. Dadurch entstehen Holräume, die sich im Laufe der Zeit mit Schmelzwasser füllen.

Fakten

Ein so genannter "Hotspot" für Gletscherseen ist das Himalajagebirge. Solche sehen kommen auch immer wieder am Pamir und Karakorum vor.

Und auch in Europa sind Gletscherseen keine Seltenheit. Den Schweizern bereitete im April und Mai dieses Jahres der Gletschersee Grindelwald große Sorgen. Mittlerweile ist der Wasserstand des Gletschersees aber wieder auf ein geringes Niveau gesunken.

Der Gletschersee am Mont Blanc mit einem Volumen von 25.000 Kubikmetern Wasser ist derzeit in Europa ein Hotspot.

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