Der lange und der kurze Atem
Vor fünf Jahren wurde Joseph Ratzinger überraschend zum Papst gewählt. Eine Zwischenbilanz.

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Ein Kirchenoberhaupt der Kontinuität hatte man erwartet, ein paar Jahre des Übergangs zu einem jungen Kandidaten, am besten aus Afrika oder Lateinamerika. Doch es kam anders. Benedikt XVI. setzte Akzente, die seinem Vorgänger nicht in den Sinn gekommen wären und einem jungen, beherzten Afrikaner wohl noch weniger. Sein konservativ-ästhetischer Wendeversuch geriet bald ins Kreuzfeuer. Immer öfter muss der 83-Jährige zur Selbstverteidigung ausrücken.
Es ist gerade erst zehn Jahre her, da stand der bayerische Kurienkardinal Joseph Ratzinger bleich vor dem Baldachin Berninis im Petersdom und wartete, bis er seine Fürbitte um Vergebung sprechen konnte. Der Leiter der Glaubenskongregation musste für seine Vorgänger bitten, die Inquisitoren hießen und mächtiger waren als er. Die Versuche der katholischen Kirche, den Glauben mit Gewalt zu verbreiten, dafür bat er Gott und die Menschen um Vergebung.
Es war Ratzinger schwergefallen. Auf hundert Seiten versuchte seine Glaubenskongregation vorab zu erläutern, was mit dieser Bitte nicht gemeint war: dass die Kirche als Ganze sündig ist. Einzelne in ihrem Namen ja, aber "die Kirche" nicht. Dann erst konnte Joseph Ratzinger guten Gewissens um Vergebung bitten.
In den letzten fünf Jahren ist der 83-Jährige oft in ähnliche Situationen geraten. Zeit für klärende Grundsatzpapiere blieb diesmal nicht. Einmal waren die Muslime wütend, weil er sich nicht klar genug von mittelalterlicher Mohammed-Kritik distanzierte, die er zuvor zitiert hatte. Dann sind es die eigenen Leute, die nicht verstehen, wieso Radikaltraditionalisten wieder in die Kirche zurückkehren dürfen, ohne auch nur eine ihrer Positionen aufzugeben. Als dann einer von ihnen, Bischof Richard Williamson, noch den Holocaust leugnet, muss Benedikt sogar das Selbstverständliche gebetsmühlenartig wiederholen: dass er nämlich mit Antisemitismus nichts im Sinn habe. Dass ihm ein britischer Anwalt wegen der Missbrauchsfälle mit Verhaftung droht und ein heimischer Priester den Rücktritt nahelegt, zeigt das Ausmaß des Verfalls der päpstlichen Autorität.
Professor Dr. Papst" nennt ihn der Spiegel voller Hohn. Der Gelehrte Ratzinger habe eben kein Gespür für Politik, soll das heißen. Gespür für Politik haben hieße, den eigenen Apparat im Griff zu haben und die Wirkung eigener Handlungen abschätzen zu können. Keiner der Kardinäle hat den Papst vor dem Holocaust-Leugner unter den Bischöfen der Pius-Bruderschaft gewarnt, keiner eine Medienstrategie entwickelt, um die heikle Entscheidung abzufedern. Die Entrüstung hat den Papst erstaunt, ja gekränkt. Er tat, was noch kein Papst getan hatte. In einem Brief an die Bischöfe beklagte Benedikt die "sprungbereite Feindseligkeit" mancher Katholiken gegenüber ihrem Oberhaupt. Ein distanzierter Amtsträger zeigte ungewöhnliche Verletzlichkeit.
Weltsicht und Weltfremdheit
Der Brief vom März des Vorjahres erklärt Joseph Ratzinger vielleicht am Besten, seine Intentionen, seine Weltsicht und Weltfremdheit. Dass die antisemitischen Äußerungen Bischof Williamsons im Internet zu finden waren, habe er nicht gewusst, schreibt Benedikt. "Ich lerne daraus, dass wir beim Heiligen Stuhl auf diese Nachrichtenquelle in Zukunft aufmerksamer achten müssen."
Warum er überhaupt einer randständigen radikalen Gemeinschaft den Rückweg in die Kirche ebnete, erklärt Benedikt aus seinem Auftrag. "Natürlich gibt es Wichtigeres und Vordringlicheres", schreibt er. Sein Auftrag aber sei es, "die Brüder zu stärken". Je gespaltener die Kirche, desto weniger ginge das. Daher bemüht er sich, möglichst viele zurückzuholen, Orthodoxe, Anglikaner, Traditionalisten. Dass sein Interesse an Protestanten geringer sei als das an konservativeren Christen, muss er sich oft vorhalten lassen.
Benedikt gilt als Apokalyptiker. Auch im zitierten Brief klingt dieser Zug an: "Das eigentliche Problem unserer Geschichtsstunde ist es, dass Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und dass mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichts Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen."
Dass ein Papst Zeit hat, Bücher zu schreiben, ist erstaunlich: "Jesus von Nazareth" ist der Versuch, hinter den Dekonstruktionen der Bibelwissenschaften wieder den Menschen Jesus und Christus, den Erlöser zu sehen. Auch das ist Benedikt schlecht ausgelegt worden - als Ablehnung von Bibelwissenschaft.
Aber sollte die Großkirche nicht auch großmütig sein können im Wissen um den langen Atem, den sie hat, im Wissen um die Verheißung, die ihr gegeben ist?", fragt Ratzinger im zitierten Brief. Benedikt denkt in Jahrhunderten und hofft darauf, auch selbst in dieser Perspektive beurteilt zu werden.














