Moskauer Bewohner: "Trifft immer die einfache Bevölkerung"
Der Schweizer Andreas Frei lebt seit drei Jahren in Moskau und fährt regelmäßig U-Bahn. Für Kleine Zeitung DIGITAL schildert er am Telefon seine Eindrücke von der jüngsten Attentat-Serie und versucht eine erste Analyse.

Foto © PrivatAndreas Frei im Gespräch mit der Kleinen Zeitung DIGITAL
Die Anschläge sind tragisch. Sie treffen immer die einfache Bevölkerung, denn die ist es ja, die U-Bahn fährt. Wer sich in Moskau ein Auto leisten kann, der fährt mit dem Auto, auch wenn das Stau stehen enorm an den Nerven zehrt. Meine Frau ist Russin, sie fährt Pkw. Ich fahre aus Überzeugung U-Bahn, und hätte ich nicht gestern abend eine Dienstreise in die Schweiz angetreten, hätte mich mein Weg heute genau über die Station Lubjanka geführt. Ich wohne nur ein paar Stationen entfernt von dieser Station. Dort ist übrigens auch der Sitz des Geheimdienstes.
Jetzt werde ich mich ganz genau informieren, was die Hintergründe zu diesen Attentaten sind, besonders wichtig sind hier gute Blogs und unabhängige Medien im Internet. Von russischer Seite wird vermutlich gesagt, dass es Nordkaukasier waren, bei den Anschlägen vor sechs Jahren hieß es auch, dass es nordkaukasische Rebellen sind. Dazu muss man wissen, dass es viele Tschetschenen in Moskau gibt, und sehr viele von ihnen fahren U-Bahn, sie sind ständig präsent. Billige Arbeitskräfte, die im Baugewerbe eingesetzt werden. Ich glaube, Moskaus Straßenbau geriete ohne Bauarbeiter aus dem Kaukasus ins Stocken. Den Zeitpunkt für die Attentate finde ich merkwürdig, denn in letzter Zeit hat man wenig von dort gehört, die Situation schien sich beruhigt zu haben. Andererseits könnte genau das auch ein Grund dafür gewesen sein, wieder die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken - ich weiß es nicht.
Wenn ich ab Donnerstag in Moskau bin, werde ich trotz der Anschläge wieder in die U-Bahn einsteigen. Sechs Jahre lang ist nichts passiert - warum sollte jetzt gleich wieder ein Anschlag sein? Ich fliege auch weiterhin mit dem Flugzeug, trotz der Terror- und Absturzgefahr. Man kann sich davon nicht einschränken lassen und denkt auch nicht jedes Mal daran, wenn man in den Waggon steigt. Einfluss darauf hat man sowieso keinen. Ich bin bereits zweimal in der U-Bahn ausgeraubt worden - das erscheint mir für mein tägliches Leben unmittelbar gefährlicher.










