Wenn das Arbeiten sich nicht mehr lohnt
Eine bundesweite Studie zeigt, was Österreicher 2007 verdienten, wie sehr sie von Armut bedroht waren und wie sie damit lebten. Zwei Jahre später hakte die Kärntner Arbeiterkammer bei 60 Betroffenen nach.

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Die Zahlen sind - wie so oft - nüchtern und unpersönlich: 59.000 Menschen in Kärnten sind armutsgefährdet (s. Info-Kasten rechts). Immer häufiger trifft dieses Schicksal auch erwerbstätige Personen, deren Einkommen unter der Armutsschwelle liegt. Auch bei diesen sogenannten "working poor" zeigt sich einmal mehr die Benachteiligung der Frauen: Hauptbetroffen sind nämlich Mehrpersonenhaushalte mit mindestens drei Kindern, Alleinerziehende und allein lebende Frauen.
Um Armut zu bekämpfen, erhebt die EU seit 2005 in allen Mitgliedstaaten Daten. Für die Studie 2007 wurden 475 Kärntner Haushalte mit 1156 Angehörigen befragt. Heinz Pichler, Bildungsreferent der Kärntner Arbeiterkammer, und Elisabeth Niederer vom Netzwerk gegen Armut haben im Vorjahr bei 60 armutsgefährdeten Kärntnern erforscht, wie sich ihr Leben in den zwei Jahren nach der Studie entwickelt hat. ("Working Poor II - Armut trotz Erwerbstätigkeit".)
Einige Resultate sind erschreckend, so Pichler: "Am schlimmsten war, wie sich die Armut auf die gesundheitliche Situation der ,working poor' auswirkt." Bei sieben der 60 Personen wurde Krebs diagnostiziert. Zwölf Frauen und sechs Männer leiden an schweren Depressionen. 27 Personen hatten schon mehrere Panikattacken. 58 Personen, 97 Prozent der Befragten, leiden täglich unter Kopf-, Bauch-, Magen- oder Rückenschmerzen. 83 Prozent trinken täglich Alkohol. Alle 60 Teilnehmenden sind fettleibig. Ebenfalls alle 60 sind mit ihrem Leben "unzufrieden und unglücklich". Eine Frau hat sich umgebracht.
Das Familienleben, oft tröstendes Bollwerk gegen die Zumutungen des Lebens, verschlimmert die Probleme der "working poor" noch. So waren 22 der 38 Betroffenen (58 Prozent), die anfangs in einer Beziehung lebten, inzwischen getrennt oder geschieden. Alleinerziehende Mütter haben Schuldgefühle, weil sie ihre Kinder nicht gut genug versorgen und - bei bis zu zehn Stunden Arbeit - zu wenig Zeit für sie haben. Nicht selten ergeben sich daraus schulische und sonstige Probleme wenig beaufsichtigter Kinder. In all diesen Fällen, so die Studie, "sollte man unbedingt von vererbter Armut sprechen, da alle befragten Personen selbst aus einkommensschwachen Familien stammen".
Ähnlich negativ sind die Befunde zu Wohnsituation, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und Bildungsmängeln.
Pichler: "Diesen Menschen hilft nur eine Beschäftigungsoffensive. Die Arbeitnehmer müssen sich - genauso wie die Banken - auf den Sozialstaat verlassen können. Und wer im Reichtum lebt, muss mehr zur Verteilungsgerechtigkeit beitragen."
Features
ARMUT UND IHRE OPFER
Armutsgefährdet ist, wer nur über 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügt.
Die Schwelle liegt beim Einpersonenhaushalt bei 912 Euro, beim Alleinerziehenden mit einem Kind bei 1186 Euro, bei zwei Erwachsenen bei 1368 Euro, bei zwei Erwachsenen mit zwei Kindern bei 1915 Euro.
Betroffen sind in Österreich eine Million Menschen (12 Prozent).
In Kärnten liegt die Armutsgefährdungsquote bei "nur" 10,8 Prozent, aber das sind immerhin auch noch 59.000 Personen.











