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Zuletzt aktualisiert: 16.01.2010 um 20:18 UhrKommentare

Verwurzelt in der alten Heimat

Welche Identität haben die heutigen Kanaltaler, die früher Kärntner waren? Was verbindet sie mit den Kärntner Slowenen? Ein Buch erzählt Lebensgeschichten aus der Region.

Diese alte Ansicht zeigt das Dorf Wolfsbach/Valbruna

Foto © kkDiese alte Ansicht zeigt das Dorf Wolfsbach/Valbruna

Giovanni hieß eigentlich Hans, bekam unter diesem Namen im Kanaltal aber keine Staatsanstellung, Friedrich wird als Mirko im Zweiten Weltkrieg in Südkärnten ausgesiedelt, Ludmilla hat als Milka in ihrer Jugend oft gehört, sie solle "horuck über den Loibl nach Jugoslawien" verschwinden. Allein die Namensgebung kann verdächtig machen, Vorurteile wecken, Lebensläufe beeinflussen. Ein Schicksal, das Menschen diesseits und jenseits der Grenze jahrzehntelang geteilt haben und immer noch teilen. Eine gemeinsame Vergangenheit verbindet die alteingesessenen Deutsch- und Slowenischsprachigen im Kanaltal mit der Bevölkerung in Südkärnten, gehörten doch beide bis zum Ersten Weltkrieg zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Kanaltal von Italien annektiert, Südkärnten blieb mit seiner slowenischen Volksgruppe Teil Österreichs.

Identitätsfindung

Wie entwickelten sich angesichts dieser Rahmenbedingungen die Sprachgruppen und ihre Identitäten? Mit diesen Fragestellungen befasst sich das neue Buch "Wir haben alles in uns . . ." der zweisprachigen Kärntner Politologin und Minderheitenexpertin Stefanie Vavti. Der biographische Zugang in Form erzählter Lebensgeschichten gibt Antwort auf Fragen nach dem Selbstverständnis dieser Menschen. "Ältere Menschen sind ethnisch zwar tiefer verwurzelt, greifen aber zur Konfliktvermeidung auf lokale Identifikationen zurück. In der jüngeren Generation gibt es vermehrt Brüche mit doppelten und multiplen Identifikationen, sowie zum Teil nur mehr symbolischer Ethnizität", erklärt Vavti ihre Erkenntnisse.

"Wir waren immer Saifnitzer" betonen zum Beispiel ältere Befragte im Kanaltaler Ort Camporosso ihre Dorfzugehörigkeit. "Wir Kanaltaler" wiederum steht für das Kollektiv der Altösterreicher. So müsse man sich nicht festlegen oder von anderen Dorfbewohnern abgrenzen, man vermeide, anzuecken. Dass das Dorf als "geschlossener Kreis" erlebt werden kann, sehe man im historisch eher slowenischen Dorf Uggowitz/Ukve, wo man bis heute an den alten Traditionen und dem Dorfdialekt festhält. "Wir reden nach Unserigem, po nasem", heißt es da.

Deutschsprachige Kanaltaler fahren zu Feiertagen eher nach Kärnten als nach Friaul. "Ich bin natürlich Italiener, aber ich fühle viel zu Kärnten. Unser Herz ist zu Kärnten gebunden", wurde Vavti erklärt. Auch den Wunsch des Tarviser Bürgermeisters Renato Carlantoni "die alten Grenzen wieder neu zu ziehen" interpretiert sie als Annäherung an Kärnten und Zeichen dafür, "dass bis heute emotionale Bindungen an die einstige Heimat erhalten geblieben sind."

Lebenswelten

Wie unterschiedlich und gemischt die Identitätstypen sind, zeigt Vavti in ihren "Lebenswelten". So lernt der slowenischsprachige Bauernsohn Otto aus einem Kanaltaler Dorf in der Schule Italienisch, bei der Feuerwehr Deutsch, seine Kinder sprechen eher italienisch, lernen Slowenisch im Kulturverein. Otto sieht sich als "Ukljan/Uggowitzer", als Kanaltaler und fühlt sich wegen seiner Vorfahren sogar noch als "Habsburger". Ludwig lebt in Tarvis, seine Herkunftsfamilie ist betont deutsch. Der Vater verbringt alle italienischen Staatsfeiertage bei den Verwandten in Kärnten, verweigert das Italienische. Ludwig heiratet eine Kärntnerin und engagiert sich für das Deutschtum im Kanaltal. Anna ist ein als Kind eines slowenischsprachigen Italieners und einer deutschsprachigen Kärntnerin ein Identitäts-Mischling. Sie wächst dreisprachig auf und verschafft sich dadurch berufliche Vorteile. Von ihrem Selbstbild her versteht sich die angehende Kosmopolitin als "mehrsprachig", es gibt keine klare ethnische Zuordnung zu einer der drei Sprachen: Alle seien wichtig.

Entsolidarisierung

"Wir haben alles in uns", sagt die deutsch aufgewachsene und mit einem slowenischen Italiener verheiratete Antonia, die ihre Kinder dreisprachig sozialisiert und meint damit, dass bei Bedarf auf alle drei Sprachen "gleichwertig" zurückgegriffen werden kann. Die sprachliche Vielfalt werde allerdings im Kanaltal und in Südkärnten durch die Modernisierung mit ihrer Entsolidarisierung, Individualisierung und Zersplitterung der Dorfgemeinschaft gefährdet. "Statt am Dorfplatz zusammen zu sitzen, sitzt jeder vor seinem TV-Gerät", bedauert Vavti.

"Die ethnische Identität ist nicht immer die bestimmende Teilidentität", hat Vavti erforscht. "Häufig sind die Geschlechtsidentität mit den damit verknüpften Rollen und Erwartungen oder die berufliche Identität wichtiger als die Zugehörigkeit zu einer Sprachgruppe. Dies gilt vor allem für die jüngere Generation", schlussfolgert Vavti, die mit ihrem spannenden und lebendigen Buch Anstoß zum Verständnis und Lösungsansätze zum konfliktfreien Zusammenleben verschiedener Sprachgruppen geben will. "Jeder hat etwas vom anderen in sich. Diese Vielfalt stellt unseren Reichtum dar."

ELKE FERTSCHEY

Buch und Historie

"Wir haben alles in uns . . ." Identifikationen in der Sprachenvielfalt, Beispiele aus Südkärnten und dem Kanaltal, Peter Lang-Verlag, 194 Seiten, 32,50 Euro. ISBN: 978-3-631-58750-8.

Autorin Stefanie Vavti, Klagenfurt, ältestes von acht Kindern, als "Stefka", in St. Michael ob Bleiburg geboren. Politologin, Publizistin. Schwerpunkte: Minderheiten, Migration, Biografieforschung, Identität.

Kanaltal

Durch Zustrom von Italienern Schrumpfung der altösterreichischen deutsch- und slowenischsprachigen Bewohner. Abwanderung durch Umsiedelungsabkommen im Zweiten Weltkrieg. Heute nur mehr knapp über 1000 "Alteingesessene" in 13 Ortschaften.

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