Racheaktionen nach Migrantenrevolte in Kalabrien
Einheimische haben Einwanderer mit Schrotflinten angeschossen und durch Schläge verletzt. Die Tagelöhner wurden nun aus Rosarno weggebracht, um weitere Ausschreitungen von Seiten der Bevölkerung zu verhindern.

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Nach zweitägigen Unruhen zwischen Immigranten und Einwohnern in der kalabresischen Kleinstadt Rosarno sind rund Hunderte Afrikaner von den Behörden in Sicherheit gebracht worden. Acht Busse brachten die meist illegal eingewanderten Landarbeiter am Samstag in eine neue Notunterkunft. Weitere Einwanderer, die in einer verlassenen Fabrik in Rosarno gelebt haben, wurden am Samstag in ein Auffanglager in die kalabresische Stadt Crotone gebracht. Ihre Abfahrt in Bussen wurde von Einwohnern Rosarnos mit Applaus begrüßt. Die Baracken, in denen die Migranten gelebt hatten, wurden am Sonntag mit Traktoren abgerissen.
Insgesamt wurden bei den am Donnerstagabend ausgebrochenen Unruhen laut Polizei 67 Personen verletzt, 31 Immigranten, 17 Einwohner sowie 19 Polizisten. Erhebliche Sachschäden wurden gemeldet. Fünf Tagelöhner, die in den Orangenfeldern der Gegend arbeiteten, mussten wegen schwerer Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Der Polizeieinsatz in Rosarno wurde am Samstag verstärkt, um weitere Gewalttätigkeiten zu verhindern.
"Wir sind keine Tiere"
Die Unruhen waren am Donnerstag nach Schüssen auf eine Gruppe von Einwanderern ausgebrochen. Dabei wurde ein Afrikaner verletzt. Dutzende Afrikaner setzten daraufhin in Rosarno Autos in Brand, zertrümmerten Schaufenster und riefen: "Wir sind keine Tiere". Der einheimischen Bevölkerung warfen sie Rassismus vor. Am Freitag kam es zu Vergeltungsaktionen: Einwohner Rosarnos gingen mit Steinen, Gewehren, Traktoren und Schlagstöcken auf die protestierenden Saisonarbeiter los. Dabei wurden mehrere Afrikaner verletzt. Ein Einwanderer wurde nach Polizeiangaben am Samstag von Schüssen aus einem Schrotgewehr verletzt.
Die meisten der 2.500 Afrikaner, die in der 15.000-Seelen-Gemeinde leben, wohnen in Baracken oder in verlassenen Fabriken ohne Strom und Toiletten. Sie arbeiten nach Gewerkschaftsangaben 15 Stunden pro Tag für 25 Euro in den Feldern. Viele Migranten sollen von der 'Ndrangheta, dem kalabresischen Arm der Mafia, für kriminelle Aktionen eingesetzt werden. Nur die Hälfte der Migranten in Rosarno hatte eine Aufenthaltsgenehmigung.
Vertreter des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) zeigten sich über die Unruhen besorgt und warnten vor weiteren Übergriffen gegen Flüchtlinge und Asylsuchende. Nach Angaben der Gewerkschaft CGIL leben rund 50.000 Migranten in Italien unter ähnlich schlechten Bedingungen wie in Rosarno. Der italienische Präsident Giorgio Napolitano erklärte, die Gewalt müsse ohne Verzögerung beendet werden.
Benedikt XVI. verurteilte beim Angelus-Gebet am Sonntag die Gewalt gegen Migranten und appellierte für den Schutz von Ausländern in den Aufnahmeländern. "Der Einwanderer ist ein menschliches Wesen. Er unterscheidet sich zwar durch seine Herkunft, seine Kultur und seine Traditionen, aber er ist eine Person, die Respekt verdient und Rechte und Pflichten hat. Das gilt besonders in der Frage der Beschäftigung, wo die Versuchung zur Ausbeutung groß ist, aber auch in Fragen des alltäglichen Lebens. Gewalt darf nie und für niemanden ein Weg sein, die Schwierigkeiten zu lösen", meinte der Papst.
Hunderte Menschen demonstrierten am Samstag in Rom gegen Rassismus. Die Demonstranten vor dem Innenministerium verlangten den Rücktritt von Innenminister Roberto Maroni, der am Freitag gemeint hatte, Italien sei bisher in punkto Einwanderung zu tolerant gewesen. Maroni erklärte am Sonntag, dass die Migranten in Rosarno, die ohne Aufenthaltsgenehmigung in Italien leben, abgeschoben werden. "Das ist das Gesetz", erklärte Maroni.
In einem TV-Interview hob der Innenminister die Resultate der Regierung Berlusconi im Kampf gegen die illegale Einwanderung hervor. In zwei Jahren seien 40.000 Migranten abgeschoben worden. Die Zahl der Ausländer, die nach gefährlichen Seefahrten über das Mittelmeer Süditalien erreichen, seien nach dem Inkrafttreten eines Kooperationsabkommens mit Libyen im Mai um 90 Prozent rückgängig.










