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Zuletzt aktualisiert: 08.01.2010 um 08:37 UhrKommentare

Medikamentenverfütterung an Tiere macht Antibiotika unwirksam

Immer mehr Menschen tragen resistente Krankheitserreger, die von Tieren stammen, die mit Antibiotika behandelt oder gar gefüttert wurden, in sich. In den USA starben 2008 mehr als 65.000 Menschen durch resistente Bakterien.

Foto © APA

Als die Schweine aneinander gerieten, ging Russ Kremer energisch dazwischen. Dass ein Eber dem Farmer seine messerscharfen Zähne ins Knie rammte, beunruhigte den bulligen Mann zunächst nicht. "Ich kippte das Blut aus dem Stiefel und arbeitete weiter", erzählt er. Die folgende Streptokokken-Infektion kostete den Landwirt aus dem US-Bundesstaat Missouri jedoch fast das Leben.

Das Bein wurde heiß und rot und schwoll auf die doppelte Dicke an. Zwei Monate lang schluckte Kremer Antibiotika in verschiedenen Kombinationen - ohne Erfolg. Der Grund für die fehlende Wirkung der keimtötenden Mittel war die Vorgeschichte des Ebers. Das Tier hatte regelmäßig Penizillin bekommen, und in der Folge wurden seine Streptokokken auch gegen andere Antibiotika immun. Diese resistenten Keime waren beim Biss in Kremers Bein gelangt.

Der Farmer ist kein Einzelfall. Immer mehr Menschen tragen resistente Krankheitserreger, die von Tieren stammen, die mit Antibiotika behandelt oder gar gefüttert wurden. Weltweit etwa die Hälfte dieser Medikamente wird an Vieh verabreicht. Noch schlimmer ist die Lage in den USA. Dort wurden im Jahr 2008 insgesamt rund 18.000 Tonnen Antibiotika verbraucht. 70 Prozent davon gingen an Schweine, Kühe und Geflügel. Und 13 Prozent davon wurden an gesunde Tiere verfüttert, damit sie schneller wachsen.

Dadurch entstehen Keime, die Menschen und Umwelt gefährden. Sie verbreiten sich nicht nur über Wunden, sondern werden auch durch Wasser, Wind und Erde verteilt. Und die resistenten Bakterien können ebenfalls durch den Verzehr von Rind, Schwein und Geflügel übertragen werden. Die Folgen kennen Mediziner zur Genüge: Weltweit steigt der Anteil widerstandsfähiger Keime, und das macht Krankheiten wie Tuberkulose, Malaria oder Staphylokokken-Infektionen noch gefährlicher.

65.000 Tote in USA durch resistente Bakterien

In den USA starben 2008 mehr als 65.000 Menschen durch resistente Bakterien - mehr als an Prostata- und Brustkrebs zusammen. In den Niederlanden verfolgten Mediziner 20 Prozent der tödlichen Staphylokokken-Infektionen auf bei Tieren entstandene Stämme. Und bei Salmonellenvergiftungen trägt jeder fünfte Patient widerstandsfähige Erreger.

"Antibiotika-Gebrauch bei Tieren beeinflusst alles", sagt der Experte Stuart Levy von der Bostoner Tufts-Universität. "Unsere Daten zeigen, dass solche Keime im Abwasser sind, in Fischkulturen gelangen und überall hinkommen." Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht von einer der größten Bedrohungen für die menschliche Gesundheit, und auch das Weiße Haus hält das Problem für "vordringlich".

Drei Regierungsstellen - die Zulassungsbehörde FDA, die Gesundheitsbehörde CDC und das Landwirtschaftsministerium - äußerten schon ihre große Sorge. "Wenn wir Antibiotika nicht vorsichtig einsetzen, werden wir bald in einem Post-Antibiotika-Zeitalter leben", fürchtet CDC-Experte Thomas Frieden und bezieht sich auf die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als noch jede Infektion eine lebensbedrohliche Gefahr barg. Der Infektiologe Vance Fowler von der Duke-Universität bemüht einen drastischen Vergleich: "Das ist der große böse Wolf, der an unsere Tür klopft."

Nun fordern leitende FDA-Mitarbeiter wie auch manche Kongressabgeordnete ein Verbot für Farmer, Antibiotika an gesunde Tiere zu verfüttern. Aber eine solche Regelung müsste für jedes Präparat einzeln begründet und durchgesetzt werden. Das würde Jahre dauern und hätte magere Erfolgschancen. Denn gegen solche Pläne hat sich schon eine Allianz aus Landwirten, Agrarkonzernen und Pharmaherstellern formiert. Allein im Jahr 2008 investierte sie mehr als 200 Millionen Dollar (rund 140 Millionen Euro) in eine Kampagne gegen ein Verbot.

Bisher hat diese Lobby sich fast immer durchgesetzt. Als 1977 ein Verbot der Antibiotika Penicillin und Tetracyclin zur Tierfütterung anstand, wurde das Vorhaben nach energischen Protesten abgeblasen. Und 2008 wollte die FDA die Zufütterung der Cephalosporine begrenzen, wegen der enormen Bedeutung dieser Breitband-Antibiotika in der Humanmedizin. Fünf Tage vor Inkrafttreten zog die Bush-Regierung das Gesetz zurück. Das einzige erfolgreiche Verbot wurde im Jahr 2000 für das Geflügelmittel Baytril verfügt. Die Umsetzung dauerte fünf Jahre.

Farmer Kremer fand nach seiner Infektion zum Glück noch ein wirksames Antibiotikum. Zurück auf dem Hof ließ er sämtliches Vieh auf Resistenzen testen. Resultat: Die Erreger der Tiere waren gegen die gleichen Medikamente resistent, die auch bei Kremer versagt hatten. Daraufhin vernichtete der Landwirt, der jährlich rund 1.200 Schweine verkauft, das Antibiotika-versetzte Tierfutter, ließ seine Herde schlachten und fing von vorn an - diesmal ohne Medikamente. Im nächsten Jahr sparte er 16.000 Dollar (etwa 11.000 Euro). Die hätte er einst für Tierärzte, Impfstoffe und Medikamente bezahlt.


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