Nachtasyl/ Schlafende Hunde
Und es blieb eine lange Nacht. Exklusiv für die Kleine Zeitung schrieb Arno Geiger eine Erzählung von der anderen Seite der Welt.

Foto ©
Es gibt Zeiten, in denen empfinde ich mich nicht sehr stark als menschliches Wesen, vielmehr als Ansammlung konditionierter Reaktionen, Reaktionen, die so zuverlässig kommen - nach dem Kalender und seinen Umständen - wie ein Geier zum Kadaver. Der Geist mag im Frühling springen, doch wenn Anfang Oktober der Herbst heraufzieht, machen sich unweigerlich finstere Ahnungen bemerkbar. Im November gehen die Ahnungen in das Wissen über, dass alles Mühen umsonst ist, eine Überzeugung, die erst an Weihnachten wieder ins Wanken gerät. Es ist, als wäre der weihnachtliche Zugewinn an Vertrauen in die Welt tief in meine Genspirale eingeschrieben.
In Australien geriet dieser Rhythmus in Unordnung. Dort erreichte um Weihnachten herum ausgerechnet der Sommer seinen Höhepunkt, und das behagte mir nicht. Im vergangenen Jahr war das Wetter besonders furchtbar. Die Trockenheit führte zu Buschbränden. Wasser musste gespart werden. Es war nicht erlaubt, den Garten zu gießen, alles sah braun und verbrannt aus. Die Hitze war an manchen Tagen so groß, dass wir von der Fabrik nach Hause geschickt wurden, weil man kaum arbeiten konnte. In Queensland gingen Tausende Schafe und Kühe wegen der Trockenheit ein, die Folge davon war, dass die Preise von Fleisch und Gemüse stiegen.
Ich arbeitete am Stadtrand von Sydney in einer Fabrik, die Dichtungen für Schiffskessel herstellte. Im öligen Overall stand ich Tag für Tag vor einem Ungetüm von Maschine. Aber ich verdiente gut, und die Leute waren nett. Ein Bekannter nahm mich morgens mit dem Auto mit und holte mich abends wieder ab, so dass ich keine Fahrtspesen hatte.
Mein geschiedener Mann, dessentwegen ich nach Australien gegangen war, Tony: er ist der Teil der Geschichte, den ich lieber auslassen würde. Ich fand, er wäre besser alleine geblieben, dann wäre es auch seiner ersten Frau und mir besser ergangen. So wenig dazu. Mittlerweile hatte ich Tadeusz kennengelernt, einen jungen Polen, der mich ebenfalls heiraten wollte. Aber ich war vorsichtig geworden. Bis auf weiteres waren wir gute Freunde.
Weihnachten hatte ich ursprünglich in Österreich verbringen wollen, aber wegen des Kredits, den ich für ein kleines Grundstück aufgenommen hatte, war ich blank. Mutti bot mir an, den Flug zu be
zahlen. Aber sie tat es nur, weil ich von Tadeusz erzählt hatte und sie sich nicht dafür erwärmen konnte, dass ich mit dem Gedanken spielte, mich wieder zu binden. Das sagte ich ihr auch, worauf sie mich ein undankbares Geschöpf nannte. Ich erwiderte, ich wolle den Flug auch deshalb nicht, weil ich das Geschenk eines Tages vorgeworfen bekäme wie Ulla x-mal das Auto vorgeworfen bekommen habe, das Mutti ihr nach der Trennung von Stefan vor die Tür gestellt hatte.
Am Tag vor Weihnachten fuhren Tadeusz und ich zu meinem Grundstück und befreiten es von Gestrüpp und hohem Gras. Es lebten dort viele Spinnen und Schlangen und armlange Eidechsen, ich kriegte jedesmal einen Riesenschrecken, wenn eine davonhuschte. Am Nachmittag hatte ich Blasen an den Händen, und Tadeusz fragte, ob ich mit ihm Richtung Norden ans Meer fahren wolle.
Ich hatte gemischte Gefühle, willigte aber ein, denn in Sydney sah man nur verdorrte Wiesen und Eukalyptusbäume, die mich daran erinnerten, wie wenig meine an und für sich positiven weihnachtlichen Konditionierungen in Australien zur Geltung kamen.
Abends im Hotel suhlte ich mich in der Wanne und wusch Haare, schmierte mich ein, zog frische Unterwäsche an und fühlte mich an-schließend wohl. Ich saß bei einem recht guten Film und machte Pediküre, während Tadeusz schon schlief; er arbeitete bei den Wasserwerken von Sydney ziemlich hart. Obwohl - na schön, ich legte mich ebenfalls hin. Am nächsten Tag besuchten wir eine Kleinstadt, und als wir die Nase voll hatten vom Fischgestank des Hafens und den Restaurantdünsten an der Promenade, fuhren wir weiter.
Tadeusz parkte den Wagen oberhalb einer kleinen Bucht. Von der Straße aus sah das Meer wie das Nylonmeer der Augsburger Puppenbühne aus. Tapfer atmete ich die Meeresluft ein, wie um mich davon zu überzeugen, dass dies nun mein Leben war. An Tagen wie diesem fiel es mir schwer, das zu akzeptieren.
Am Strand, da saßen die Leute auf Decken mit künstlichen Weihnachtsbäumen und packten ihre Geschenke aus, Sonne und Hitze drum herum, und aus den Musikgeräten ertönte Stille Nacht, Heilige Nacht auf Englisch. Zwei Kinder trugen trotz der Hitze rote Pudelmützen mit weißen Puscheln. Einige Jugendliche traten einen Wasserball über den Strand. Auf der einen Seite des Balls war das Gesicht von George W. Bush abgebildet und auf der anderen Seite ein Schuh.
Ein Stück weiter unten warf ein Mann mit Steinen nach einer Gruppe streunender Hunde, die hier vom Meer lebten. Die Hunde rannten in unsere Richtung davon. Die Geräusche ihrer Pfoten im groben Sand machten mir Angst, ich war froh, dass uns die Tiere in einigem Abstand passierten.
Außerhalb jeglicher Wurfweite strichen sie mit eingezogenen Schwänzen herum und schnupperten am Muschelsplitt in den Reifenspuren eines Strandbuggys und an den bleichen, wie Knochen aussehenden Treibholzstücken. Einer der Hunde erinnerte mich an eine Hyäne, weil sich das Hinterteil beim Gehen schräg zum restlichen Körper bewegte, als wollte es in eine andere Richtung als der Kopf. Wie bei mir!
Einige Möwen waren mit ihrem Fliegen beschäftigt.
Der Mann, der die Steine geworfen hatte, setzte sich zurück zu seiner Gruppe. Der künstliche Christbaum dort war der größte am Strand.
Features
Zur Person
Arno Geiger, geboren am 22. 7. 1968, seit 1993 als freier Schriftsteller tätig.
Er zählt zu den wichtigsten Gegenwartsautoren Österreichs.
Sein internationaler Durchbruch gelang ihm mit dem Roman "Es geht uns gut", für den er 2005 den Deutschen Buchpreis erhielt.
Im Vorjahr wurde ihm der Johann-Peter-Hebel-Preis zuerkannt.












