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Zuletzt aktualisiert: 10.11.2009 um 19:13 UhrKommentare

Udo Proksch: Der Hofnarr und sein Netzwerk

Udo Proksch und der "Fall Lucona": Eine schillernde Figur auf dem Wiener Parkett wegen sechsfachen Mordes vor Gericht.

Udo Proksch siegessicher auf dem Weg in den Wiener Schwurgerichtssaal

Foto © APAUdo Proksch siegessicher auf dem Weg in den Wiener Schwurgerichtssaal

Es ist windstill an diesem 23. Jänner 1977, keine Wolke am Himmel, der Indische Ozean ist ruhig, ein phantastisch schöner Tag neigt sich seinem Ende zu. Sanft gleitet der Frachter "MS Lucona" nahe den Malediven dahin, mit an Bord eine Fracht von 700 Tonnen, deklariert als "Maschinen für die Verarbeitung von nicht eisenhaltigen Materialien". Die Frau des Kapitäns sitzt an Deck und näht ein Babykleid. Einer der Matrosen sollte in wenigen Wochen Vater werden.

Auf einmal ein wuchtiger Stoß nach hinten, ein mächtiger dumpfer Knall im Bauch des Schiffs. Gelblich-weißer Rauch steigt auf, der 75 Meter lange Frachter bäumt sich noch einmal auf und verschwindet im Indischen Ozean. Nach knapp zwei Minuten ist nichts mehr zu sehen von der "Lucona", sechs Seeleute werden mit in die Tiefe gerissen, sechs weitere können sich auf Schlauchboote retten. Viele Jahre später sollte dieses Unglück zu einem heftigen innenpolitischen Beben in Wien und zu einem der spektakulärsten Strafprozesse der Zweiten Republik führen.

Im Mittelpunkt all dieser Ereignisse stand ein Mann, eine schillernde Persönlichkeit voll Widersprüche, ein bunter Bürgerschreck, ein genialer Meister der Selbstdarstellung oder – wie "Die Weltwoche" einmal so treffend geschrieben hat – "ein chaotisches Gemisch aus Salvador Dali und Orson Welles": Udo Proksch alias Serge Kirchhofer, der "Herr Udo". Eine klein gewachsene, gedrungene Erscheinung mit stattlicher Leibesmitte und hellwachen Augen (...).

Panierte Freunde

Der umtriebige Geschäftemacher war Designer exklusiver Luxusbrillen, er entwickelte doppelseitig verschraubbare Zahnpastatuben, er galt als exzessiver Waffennarr und gründete den ledendären "Verein der senkrecht Begrabenen". In New York lud er einmal gelangweilte Gäste zu einem "Schnitzelfest". Es floss reichlich Champagner, es gab viel Mehl und acht Badezimmer. Die Gäste liefen nackt durch die Zimmer und brüllten "Atomangriff! Atomangriff!" Kopfüber sprangen sie in die randvollen Badewannen und wälzten sich zum Schutz vor radioaktiven Strahlen in Mehl. "That's Wiener Schnitzel", klopfte sich Proksch beim Anblick seiner panierten Freunde auf die Schenkel (...).

Sein größter Coup: 1971 kaufte er über eine Schweizer Briefkastenfirma die Wiener Nobelkonditorei "Demel" am Kohlmarkt. Der geschichtsträchtige k.u.k. Hoflieferant sollte sich in den kommenden Jahren zum Dreh- und Angelpunkt, ja zum Nervenzentrum politischer Macht entwickeln. Der Name des elitären Männerbundes: "Club 45" (...).

Viel Prominenz gab sich die Türschnalle in die Hand. Der Journalist Hans Pretterebner zählt in seinem Bestseller "Der Fall Lucona" einige auf: Gleich drei Bundeskanzler waren darunter, Bruno Kreisky, Fred Sinowatz und Franz Vranitzky. Auch Heinz Fischer, Hannes Androsch, Leopold Gratz, Karl Blecha oder Helmut Zilk. Wer etwas werden wollte in der zweiten Hälfte der Siebziger, musste fast zwangsweise der "Roten Loge" angehören. Mittendrin in diesem brisanten Beziehungsgeflecht: Udo Proksch (...). Bald nach dem Untergang der "Lucona" ließ Proksch bei der Versicherung anklopfen: Die vereinbarte Summe von 212 Millionen Schilling (15,4 Millionen Euro) wäre fällig, eine wertvolle Uranmühle liege auf dem Grund des Indischen Ozeans.

Ein Haufen Schrott

Doch der Wille zum Zahlen dieser Summe war enden wollend, statt zu überweisen begann die Bundesländer-Versicherung zu recherchieren (...). Es kristallisierte sich heraus, dass anstatt der behaupteten Uranerz-Aufbereitungsanlage lediglich ein großer Haufen frisch lackierter Schrott auf der Lucona transportiert worden war. Mehr als sechs Jahre sollte es dauern, bis die Kriminalpolizei erste Schritte setzte. Doch Weisungen der Oberstaatsanwaltschaft Wien verhinderten, dass sich der Fall Lucona auch zu einem hochbrisanten Kriminalfall entwickelte. Haftbefehle gegen Udo Proksch wurden von höchster Stelle abgeschmettert, die berühmte Suppe, wie der damalige Justizminister Harald Ofner zu sagen pflegte, wäre zu dünn gewesen (...). Das Netz, das der Zuckerbäcker um sich gesponnen hatte, bleibt noch dicht.

Doch 1985 kommen Udo Proksch und sein Kompagnon tatsächlich in U-Haft, der "Demel" hisst eine schwarze Fahne und der damalige Außenminister Leopold Gratz organisiert für seinen Freund über den rumänischen Geheimdienst Entlastungspapiere. Nach elf Tagen sind Proksch und Daimler frei, das Netzwerk ist wieder intakt.

Grünes Licht für Anklage

Das Verfahren dümpelte dahin, bis Ende 1987 das Unerwartete geschah: Hans Pretterebners Lebenswerk, das Buch "Der Fall Lucona", erscheint und nennt schonungslos alle Namen, die im Zusammenhang mit Udo Proksch und dem Schiffsuntergang stehen. Das Buch entlarvt wahrhaft skandalöse Zustände in höchsten Regierungskreisen und wird in kürzester Zeit zum erfolgreichsten Buch Österreichs. Nach einem Regierungswechsel erklimmt der parteilose Egmont Foregger den Chefsessel im Justizministerium, 1988 gibt er grünes Licht für die Anklage gegen Udo Proksch (...). Doch der Hofzuckerbäcker weilt auf den Philippinen, er gibt Interviews und lässt sein Gesicht operieren. Im Oktober 1989 wird er überraschend am Wiener Flughafen verhaftet. Die "Causa Lucona" hat unterdessen drei seiner prominenten Freunde die Karriere gekostet: Karl Blecha musste als Innenminister und Leopold Gratz als Nationalratspräsident den Hut nehmen, auch der Präsident des Wiener Sozialgerichtes wurde suspendiert.

"Hallo, Gfraster"

1990 – 13 Jahre nach dem Untergang der "Lucona" – wird der Prozess eröffnet. Udo Proksch hat seine Bühne gefunden, er blödelt, er scherzt, er macht Witze, er lacht und ist gut gelaunt. Ob er sich schuldig fühle? Ach wo. Sechs Tote? Schon, nur habe er damit nichts zu tun (...).

Ein Paukenschlag: Das Gericht beschließt, das Wrack der "Lucona" auf dem Grund des Indischen Ozeans suchen zu lassen und das Unerwartete geschieht. In exakt 4195 Metern Tiefe orten die Techniker tatsächlich das Schiff. Nach 57 Verhandlungstagen ist der Prozess reif für ein Urteil. Mit einem lauten "Hallo, Gfraster" betritt Proksch den Gerichtssaal und vernimmt den Spruch: Schuldig des sechsfachen Mordes und Mordversuches ..." Die Strafe – 20 Jahre Haft – wird vom Obersten Gerichtshof in eine lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt (...). Udo Proksch kommt in die Justizanstalt Graz-Karlau und entwickelt sich zum Musterhäftling. Nach einer Herztransplantation stirbt er am 27. Juni 2001.

DORIS PIRINGER

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