"Die Pfarren sollen sich stärker rühren"
Pfarrer Helmut Schüller appelliert als Proponent der "Pfarrerinitiative", deutlicher auf die Problemfelder der katholischen Kirche hinzuweisen. Denn das Netz werde immer weitmaschiger.

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Mit "drängender Sorge" machen Sie seit zweieinhalb Jahren mit der Pfarrerinitiative auf offene Fragen und Probleme in der katholischen Kirche aufmerksam. Hat sich seither etwas verändert?
HELMUT SCHÜLLER: Nein. Außer, dass 300 Pfarrer klarer und deutlicher als früher gesagt haben, was Sache ist. Es geht um die Zukunft der Pfarrgemeinden. Da rennt die Zeit. Die üblichen Floskeln von den 1000 Jahren, in denen Kirche denkt, ist völlig unpassend. Wir haben sehr viele Engagierte mit großen Fähigkeiten in den Pfarrgemeinden, auf die wir stolz sein sollten. Die Gemeinden sollten als communio, als Gemeinschaft, weiter leben können: mit ihren Seelsorgern zusammen, in der Stadt, am Land, für die Familien, Fremden.
Welche Sorge haben sie wegen der Pfarrgemeinden?
SCHÜLLER: Dass der Pfarrermangel, der künstlich erzeugt ist, dazu führt, dass man nur noch so viele Pfarrgemeinden bildet, wie man gerade Pfarrer hat. Die primäre Frage ist: Wo haben wir geeignete Leute für die Leitung der Pfarre. Das Sakrament der Ehe darf da nicht zum Hindernis werden. Jetzt aber werden immer mehr Pfarren zu Großpfarren zusammengebunden und damit immer weitmaschiger. Die persönlichen Kontakte werden so immer weniger, die Gemeinschaft wird immer dürftiger. Das ist keine gute Entwicklung.
In Kärnten ist das noch anders.
SCHÜLLER: Es wird sich aber auch hier noch ändern.
Mit diesem weitmaschigen System wird es für Pfarrer immer schwerer, Vorbild zu sein. Wer will dann noch Priester werden?
SCHÜLLER: Der Pfarrer wird zum Koordinator, zum Strukturpfleger. Der Laie muss praktisch Seelsorger werden. Doch die, die das besonders gut können, sollen dann als Leiter der Gemeinde mit dieser Eucharistie feiern können.
Da knüpft die Forderung ihrer Pfarrerinitiative nach viri probati und Frauen als Priesterinnen an?
SCHILLER: Ja, es ist Zeit für einen großen Schritt.
Was soll sich denn von Ihrer kleinen Initiative und vom kleinen Österreich aus in dieser großen Weltkirche bewegen?
SCHÜLLER: Die Pfarrgemeinden können sich noch viel stärker rühren. Jene, die sich bei mir melden, fordere ich auf, sich gegenüber ihren Bischöfen zu artikulieren oder Visitationen in der Pfarre zu nützen, um klar zu sagen, was sie sich als Gemeinde vorstellen und was sie brauchen: Dass sich die Bischöfe in Rom um die Möglichkeit zum Experimentieren bemühen sollen. Auch mit neuen Formen des Pfarreramtes.
In Kärnten wie österreichweit ist der Klerus überaltert, viele brennen aus, weil sie zu viele Funktionen haben. Die Bischöfe versuchen, das Problem mit Priestern aus Ostländern zu lösen. Nachvollziehbar?
SCHÜLLER: Das kann ja keine Lösung sein. Zum einen ist es unsolidarisch mit den dortigen Kirchen, zum anderen müssen diese Priester Kulturgrenzen überschreiten. Für uns ist das kein Ausweg.
Wie viele von den 300 Pfarrern, die sich Ihrer Initiative angeschlossen haben, kommen aus Kärnten?
SCHÜLLER: Es sind an die zwei Dutzend (www.pfarrer-initiative.at). Es ist wichtig, dass sie mit dem Bischof, in den Gremien, in der Pfarrgemeinde ihre Position aussprechen. Das tun die auch, die unterzeichnet haben.
Orten Sie in Kärnten spezifische Probleme?
SCHÜLLER: Bedingt durch die Täler und ländliche Struktur gibt es viele ganz, ganz kleine Pfarren, so hat es uns Bischof Alois Schwarz erzählt.
Als einer, der seinen Finger in Wunden legt, sind Sie in der Kirche ein kritisch Beäugter. Woher nehmen Sie Ihre Energie?
SCHÜLLER: Es ist ja meine, unsere Kirche und nicht der Privatbesitz weniger! Und es sind nicht nur meine Gedanken, es gibt eine unermesslich große Zahl an Menschen, die mich ansprechen und auffordern: Machen Sie bitte weiter, denn das sind auch meine Anliegen.
Sehen Sie ein Licht für Veränderungen?
SCHÜLLER: Da blicke ich auf das Jahr 1989. Europa hat sich in einer Form verwandelt, obwohl man nicht gedacht hat, dass das passieren würde. Die Leute haben sich ermächtigt gefühlt, das zu sein, was sie sind: das Volk. In der Kirche ist auch sehr viel da, es wird halt nur nicht nach außen hin geäußert. Wenn an der Basis offener, mutiger und ehrlicher ausgesprochen würde, was der Zukunftsweg der Kirche sein soll, dann würde es umso eher kommen.
Wo sehen Sie die katholische Kirche Österreichs in 20 Jahren?
SCHÜLLER: Dort, wo jetzt Europa ist: In einem wilden Umbruch. Es wird nicht einfach, weil die wichtigen Themen viel zu lange zurückgestaut wurden. Es geht auch um die gesellschaftspolitischen Fragen und wie wir unsere Inhalte neu vermitteln.
Ihr Appell an die Engagierten wie Frustrierten?
SCHÜLLER: Auftreten, nicht austreten. Von innen verändern. Wer weggeht, überlässt letztendlich denen die Kirche, gegen deren Denken er ist. Der Getaufte und Gefirmte ist nicht Kunde, sondern Aktionär. Das bedeutet Mitentscheiden.
Features
Fakten
Als Pfarrer von Propstdorf (NÖ) hat Helmut Schüller (56) mit Udo Fischer die Pfarrerinitiative gegründet. Ein Ziel: Der Priestermangel soll mit Heiratserlaubnis für Priester, der Weihe Verheirateter und der Frauenweihe reduziert werden.
Schüller war Caritas-Direktor von Wien und Caritas-Präsident von Österreich, von 1995 bis 1999 Generalvikar in Wien
Fakten
Pfarrer Msgr. Helmut Schüller referierte im Rahmen der Maria Saaler Gesprächsreihe "Dem Leben auf der Spur" auf Einladung der Pfarre und des Katholischen Akademikerverbandes in Maria Saal. Die weiteren Gäste:
Frenkie Schinkels, Austria Kärnten Fußballtrainer, ist am 18. November in Maria Saal. Er spricht über "Der Ball ist rund - Fußball zwischen Philosophie und Geld".
Diözesanbischof Alois Schwarz ist am 7. Dezember zu Gast. Sein Thema: "Die dem Herrn vertrauen bekommen Flügel wie Adler".
Beginn ist um 19.30 Uhr im Haus der Begegnung am Domplatz.
Im Jahr 2010 kommen Autor Veit Heinichen (16. März), Gernot Haupt (12. April) und Chocolatier Josef Zotter (15. Juni)










