Kremser Todesschuss: Polizisten "nicht bedroht"
Laut Gutachten fiel der tödliche Schuss aus der Polizeiwaffe zu einem Zeitpunkt, als eine - wenn überhaupt je gegebene - Gefahr für die Beamten gebannt war.

Foto © Reuters
Neue Zweifel am gerechtfertigten Waffengebrauch im Fall des von der Polizei in einem Kremser Supermarkt erschossenen mutmaßlichen Einbrechers: Die schriftlichen Gutachten des Gerichtsmediziners Christian Reiter und des Schießsachverständigen Ingo Wieser, die der APA inzwischen vorliegen, legen nahe, dass der tödliche Schuss zu einem Zeitpunkt fiel, als eine - wenn überhaupt je gegebene - Gefahr für die Beamten längst gebannt war.
Anhand der in der Vorwoche der Staatsanwaltschaft Korneuburg vorgelegten Sachverständigen-Expertisen lässt sich der wahrscheinliche Ablauf dessen rekonstruieren, was sich in der Nacht auf den 5. August 2008 in dem Supermarkt abspielte, in den Florian P. (14) und Roland T. (17) in Einbruchsabsicht zu später Stunde eingedrungen sein dürften. Die Jugendlichen hatten sich demzufolge in der Nische eines zehn Meter langen und drei Meter breiten, dunklen Ganges versteckt, als sie bemerkten, dass die Polizei und ein Mitarbeiter des Supermarktes aufgrund eines ausgelösten Alarms eingetroffen waren und die Filiale nach Eindringlingen zu durchsuchen begannen.
Dort wurden die Burschen schließlich auch aufgestöbert. "Was macht's denn ihr da?", soll der männliche Polizist ausgerufen haben, als er die Gestalten wahrnahm, die - so seine Darstellung - dann bedrohlich auf ihn zugekommen seien. Einzige Lichtquelle waren zu diesem Zeitpunkt die Taschenlampen der Beamten.
Die Polizistin wiederum hatte bei der Tatortrekonstruktion wenige Wochen danach eigentlich behauptet, ihr wären zwei Männer gegenüber gestanden, die sie "vermutlich mit einem Messer oder einer Hacke" bedroht hätten, wie aus den Akten hervorgeht. In Wahrheit hatte Florian P. eine Gartenharke und sein Freund einen Schraubenschlüssel eingesteckt, und die beiden dürften unmittelbar an Flucht und nicht an Konfrontation gedacht haben: Zuerst gab der Polizist den Ausführungen des Schießsachverständigen zufolge einen Warnschuss über dem Kopf ab, der in einer Höhe von 1,98 Meter eine Tür zum Verkaufsraum durchschlug und anschließend durch eine Glasscheibe an der Außenseite des Supermarkts ging.
Die Polizistin betätigte darauf ebenfalls ihre Dienstwaffe, die den 17-Jährigen aus einer Entfernung von sieben Metern traf. Das Projektil durchschlug dem Jugendlichen in einer Höhe von 70 Zentimeter beide Oberschenkel. Roland T. war zu diesem Zeitpunkt allerdings nur mehr 1,1 Meter von der Tür zum Verkaufsraum entfernt - bei einer Gesamtlänge von zehn Meter des Ganges scheint klar, dass der 17-Jährige sich eher zur Tür und nicht hin zu den Beamten orientiert haben dürfte.
"Bei einer Position in nächster Nähe zur Türe würde dies darauf hindeuten, dass Roland T. zum Zeitpunkt der Schussabgabe gerade im Begriff war, die Türe zu öffnen, um diese in den Verkaufsraum zu passieren", stellt dazu auch der Gerichtsmediziner in seiner Expertise fest.
Tatsächlich konnte der 17-Jährige noch ein paar Schritte in den Verkaufsraum laufen, wo er dann zusammenbrach. Neben ihm rannte Florian P. in den Verkaufsraum, wo er sich am Ende einer Palette duckte und vor den Polizisten zu verstecken trachtete. Wie aus dem Gutachten des Schießsachverständigen deutlich hervorgeht, war der Raum gut beleuchtet.
Völlig in Widerspruch zu polizeiinternen Ausbildungsrichtlinien, die in derartigen Fällen ein gemeinsames Vorgehen des Einsatzteams vorsehen, trat zunächst nur der Polizist in den Verkaufsraum, wo er dem verletzt am Boden liegenden 17-Jährigen befahl, liegenzubleiben. Seine Kollegin blieb vorerst im Gang zurück, weil sie - so ihre Erklärung - vor Schreck wie erstarrt und nicht in der Lage gewesen sei, sich zu rühren. Die weiteren Vorgänge habe sie daher nicht gesehen. Der Supermarkt-Mitarbeiter hatte sich überhaupt aus Angst in einer Ecke klein gemacht.
Features
Fakten
Am 5. August hatten zwei Polizeibeamte - ein Mann und eine Frau - nach Auslösung des stillen Alarms im Merkur-Markt in Krems-Lerchenfeld auf zwei mutmaßliche Einbrecher geschossen. Der 14-jährige Florian P. wurde dabei tödlich in den Rücken getroffen, ein mittlerweile 17-Jähriger erlitt Oberschenkeldurchschüsse.













