Experte im Interview: "Jugend nicht allein lassen"
Mehr Elternbildung und Sozialarbeiter: Pubertätsexperte und Bestsellerautor Jan Uwe Rogge tritt in Kärnten auf und spricht sich für mehr Gelassenheit gegenüber Pubertierenden aus.

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Was sagen Sie als Familien- und Kommunikationsberater und Autor von Erziehungsbestsellern über die Rolle der Eltern von pubertierenden Jugendlichen?
JAN UWE ROGGE: In Beziehung, in Bindung zu bleiben, sich mit Jugendlichen zu reiben, auseinander zu setzen, das ist das Entscheidende. Die Beziehung hat zwei Aspekte: Eltern und Kinder sind nicht gleichrangig - Eltern sind älter und haben mehr Erfahrung -, aber gleichwertig. Das heißt, man lernt voneinander. In der Pubertät muss Gelassenheit da sein, um die Kinder zu begleiten, nicht Aufgeregtheit. Gelassenheit hat aber nichts mit Laissez Faire zu tun, wenn abgesprochene Regeln übertreten werden, muss es Konsequenzen geben. Hilfreich ist ein Beratungs-Netzwerk, das Eltern zur Seite steht.
Man sagt, die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen steigt. Was können wir dagegen tun?
ROGGE: Das stimmt so nicht. Die meisten Jugendlichen sind leistungsorientiert, kreativ und fantasievoll. Die gewaltbereite Klientel beträgt nur fünf bis zehn Prozent. Für sie allerdings gibt es zu wenig Maßnahmen, es fehlt an Sozialarbeitern, Streetworkern, speziell ausgebildeten Polizisten. Wer da als Politiker einspart, fördert indirekt die Gewaltbereitschaft, weil man gewaltbereite Jugendliche nicht mehr erreicht.
Was könnte an der Schule verbessert werden?
ROGGE: Auch dort Sozialarbeiter einsetzen, Rangel- und Raufzonen einrichten. Die Jugendlichen sollen lernen, mit ihrem Körper umzugehen. Aggressionsrituale, das körperliche Erproben, muss man Kindern wieder vermitteln. Wir sprechen oft über nach außen gerichtete Gewalt und zu wenig über die nach innen gerichtete, wie Ess-Störungen, Ritzen oder Koma-Saufen. Das sind auch Zeichen, dass man nicht gut mit dem Körper umgeht.
Wie viel Orientierung und Autorität brauchen Jugendliche?
ROGGE: Es geht darum, Autorität zu haben und nicht darum, autoritäres Gehabe zu zeigen. Heranwachsende haben das Recht auf begleitende Autorität. Wichtig wäre auch, Kindern von früh auf beizubringen, dass Konflikte zum Leben gehören und dass Reibungen in Beziehungen normal sind, aber auch, dass man Konflikte lösen kann und dass Reibung nicht weh tun muss.
Wie wichtig ist Elternbildung?
ROGGE: Die Eltern müssen gestärkt werden, denn die Bindung zu einer Bezugsperson ist für Jugendliche unabdingbar, obwohl sie immer so tun, als ob sie alles alleine könnten. In Tirol, Ober- und Niederösterreich gibt es begleitende Elternarbeit an den Volkshochschulen, der erworbene "Elternpass" wird von der Landesregierung gefördert. Das fehlt in Kärnten.
Was tun mit Eltern, die die Angebote nicht wahrnehmen?
ROGGE: Auf Eltern ständig straffälliger, gewaltbereiter Kinder, muss amtlicherseits ein gewisser Druck ausgeübt werden wie in Holland, Dänemark, Norwegen. Die Familie kann nicht nur ein freier Raum sein.
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