Wiener U-Bahn-Schubser in Anstalt eingewiesen
46-Jähriger gestand vor Gericht: "Hab' ihm einen Schubser gegeben mit drei, vier Fingern".
Der 46-jährige Mann, der am 27. Oktober 2008 am
Wiener Karlsplatz einen 52 Jahre alten Bekannten vor eine einfahrende
U-Bahn gestoßen hatte, meinte am Montag in seiner Verhandlung am
Wiener Straflandesgericht: "Er ist mir auf die Nerven gegangen." Er
habe "überhaupt nicht nachgedacht", gab der frühpensionierte
Postangestellte zu Protokoll: "Ich hab' ihm einen Schubser gegeben
mit drei, vier Fingern."
Nicht zurechnungsfähig.
Da der Täter einem psychiatrischen Gutachten zufolge zum
Tatzeitpunkt nicht zurechnungsfähig war - er leidet an einer
schizoaffektiven Störung -, hatte er sich nicht wegen versuchten
Mordes zu verantworten. Infolge des ihm bescheinigten
Schuldausschließungsgrunds beantragte die Staatsanwaltschaft die
unbefristete Unterbringung des Mannes in einer Anstalt für geistig
abnorme Rechtsbrecher. Die Geschworenen kamen diesem Ersuchen
einstimmig nach.
Schwer vorstellbar.
Für Prozessbeobachter war es schwer vorstellbar, dass der
46-Jährige bis zum 31. August 2008 ganz normalen Dienst in einem
Wiener Postamt versah. Erst dann wurde ihm der vorzeitige Ruhestand
nahegelegt. Beinahe unverständlich, in einem haspelnden Stakkato
beantwortete er nun die Fragen des Gerichts. Vom Staatsanwalt erfuhr
man, dass der Mann wenige Wochen vor dem Zwischenfall in der
U-Bahn-Station einem siebenjährigen Buben einen heftigen Fußtritt
versetzt und kurze Zeit später einen 13-Jährigen in einem Bus
geohrfeigt hatte. Beide Kinder hätten ihn "blöd angeschaut", bemerkte
der 46-jährige auf eine entsprechende Frage des Gerichts.
An seinem Arbeitsplatz fiel es offenbar nicht auf, dass der Mann
seit 20 Jahren an psychischen Problemen litt und mindestens zweimal
stationär behandelt worden war. Bei mangelnder medikamentösen
Versorgung komme es in solchen Fällen öfters vor, "dass Impulse und
Affekte nicht mehr kontrolliert werden können", so die
Gerichtspsychiaterin Sigrun Rossmanith.
Augenzeugen.
Der Vorfall in der U-Bahn-Station Karlsplatz hatte sich vor
zahlreichen geschockten Augenzeugen abgespielt. Täter und Opfer
kannten einander aus einem Wettbüro, wo der 46-Jährige gerade ein
paar 100 Euro gewonnen hatte. Er lud den 52-Jährigen auf ein Cola
ein, wollte das dann aber nicht zahlen, sondern zum Südbahnhof
weiterfahren. Der Ältere dürfte ihm deswegen Vorhaltungen gemacht
haben, zumal er sein gesamtes Bares verspielt hatte und sich kein
Getränk mehr leisten konnte.
In dem Augenblick, als die U1 Richtung Reumannplatz einfuhr,
schubste der 46-Jährige seinen Bekannten auf die Geleise. Der
"Silberpfeil" war zu diesem Zeitpunkt noch mit 40 Stundenkilometern
unterwegs. Obwohl der U-Bahnfahrer eine Notbremsung einleitete,
donnerte die tonnenschwere Garnitur über den 52-Jährigen hinweg.
"Ich leb´ noch".
Wie durch ein Wunder konnte dieser heute in den Zeugenstand treten
und den Geschworenen "Ich leb noch!" zurufen. "Es ist einer
glücklichen Fügung zu verdanken, dass er überlebt hat", meinte der
Staatsanwalt. Das Opfer kam mit Rippenbrüchen, Hautabschürfungen,
Prelllungen und einer amputierten Zehe äußerst glimpflich davon.
U-Bahnfahren traue er sich seither nur mehr in Begleitung, verriet
der Zeuge. Außerdem leide er an Schlafstörungen.











