Mysteriöse Terrordrohung erinnert Paris an vergessenen Krieg
Kommen die Bombenleger von Paris aus dem linksnationale Milieu?

Foto © APADie Polizisten kamen gerade rechtzeitig
Ein Blutbad zum christlichen Weihnachtsfest wollen
die Bombenleger nach eigenem Bekunden nicht. Und mit Al Kaida oder
anderen radikalislamischen Gruppen haben die angeblich afghanischen
Täter ganz offensichtlich auch nichts zu tun. Die mysteriöse
"Afghanische Revolutionsfront", die am Dienstag in einem Pariser
Luxuskaufhaus für Bombenalarm sorgte, gibt Rätsel auf. "Die Gruppe
ist keinem unserer Geheimdienste bekannt", erklärte Innenministerin
Michèle Alliot-Marie.
Vorsicht ist geboten.
Im Bekennerschreiben der bisher unbekannten Organisation kommen
Worte wie "Allah", "Ungläubige" oder "Heiliger Krieg" nicht vor.
Stattdessen sprechen die Täter im Stil linker Gruppen von "euren
großen kapitalistischen Kaufhäusern". Mit der Rhetorik des
französischen Republikgründers General Charles de Gaulle beenden die
Täter ihr Schreiben mit: "Es lebe das Freie Afghanistan". Wer steckt
also hinter der Forderung der Täter, die Franzosen sollten ihre
Truppen bis Ende Februar 2009 aus Afghanistan abziehen? "Wir müssen
extrem vorsichtig mit unseren Reaktionen sein", sagte Präsident
Nicolas Sarkozy.
Gefahren in der Heimat.
Den Franzosen machte der Schrecken im Luxuskaufhaus schlagartig
bewusst, dass der schnell vergessene Krieg im fernen Afghanistan
Gefahren auch in der Heimat bergen kann. 3400 Mann hat Frankreich in
Afghanistan und Umgebung im Einsatz, davon 2800 in dem Land selbst.
Und es sieht so aus, als würden es demnächst mehr werden. Denn der
gewählte US-Präsident Barack Obama will Druck auf die Europäer
ausüben, damit sie wie die USA mehr Truppen schicken, um den Krieg
gegen die Taliban und aufständischen Paschtunen siegreich zu beenden.
Sichere Seite.
Juristisch ist Sarkozy auf der sicheren Seite. Im September hatte
der UNO-Sicherheitsrat den Einsatz der Internationalen Schutztruppe
in Afghanistan (ISAF) bis Mitte Oktober 2009 verlängert. Gleichzeitig
hatte die Nationalversammlung ihre Zustimmung gegeben. Doch der Krieg
ist in Frankreich unpopulär. Nach dem Tod von zehn französischen
Soldaten Mitte August östlich von Kabul fiel die Zustimmung auf ein
Drittel. Und bei der Abstimmung in der Nationalversammlung brach die
viel beschworene nationale Einheit auseinander. Die Opposition
votierte geschlossen mit Nein. Dennoch schickte Sarkozy zusätzlich
100 Mann mit Hubschraubern, Drohnen und Granatwerfern.
Härte zeigen.
Sarkozy zeigt sich gegen die Terroristen fest. Seine Haltung habe
sich nicht geändert, sagte er. Vor ein paar Monaten erst hatte er den
Krieg gegen die "mittelalterlichen" Taliban zum Kampf für die
westliche Zivilisation erklärt. "Wenn wir Afghanistan fallen lassen,
fällt Pakistan wie ein Kartenhaus" - und Pakistan habe die Atombombe.
Einkalkulierte Anschläge.
Terroranschläge wegen des Afghanistan-Krieges kalkuliert die
französische Regierung schon lange ein. Seit Monaten herrscht im
ganzen Land Alarmstufe Rot wegen Terrorgefahr. Bahnhöfe und
öffentliche Plätze werden verschärft überwacht. Doch bisher sah die
Regierung die größte Gefahr von der nordafrikanischen Organisation Al
Kaida im Islamischen Maghreb (AQMI) ausgehen, die vermutlich auch für
die Entführung der Halleiner Sahara-Geiseln Wolfgang Ebner und Andrea
Kloiber verantwortlich gewesen war. Die Geheimdienste beobachten
zudem muslimische Gruppen, die in den Gefängnissen und
Einwanderer-Vorstädten Freiwillige für den Heiligen Krieg anwerben.
Bombenleger aus dem linksnationalen Milieu waren in den bisherigen
Szenarien nicht vorgesehen.
Features
Fakten
Sarkozy kommt die Aufregung um die Terrorgefahr denkbar ungelegen.
Gerade noch hatte er sich im Triumph einer erfolgreichen EU-
Ratspräsidentschaft gesonnt, die ihm in den Umfragen kräftige
Pluspunkte einbrachte.
Jetzt wird er an sein schwammig formuliertes
Wahlversprechen erinnert, die Truppen vom Hindukusch heimzuholen.
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