Das seltsame Kribbeln der Krippenbauer
Immer mehr Menschen wollen ihre Weihnachtskrippe selbst bauen und laufen Gefahr, ein neues unwiderstehliches Hobby zu entdecken.

Foto © JustElisabeth Grießer hat´s geschafft, obwohl sie vorher skeptisch war
Was ist das: Man kann süchtig danach werden! Man kann den "40-Tage-Event" auf acht Monate strecken! Und wenn es endlich losgeht, hören die Medien auf, darüber zu berichten! Ist doch klar: die Liebe zu Weihnachtskrippen!
64 Mitglieder. Die hat Josef Krassnitzer aus Deutsch-Griffen, Kärntens "dienstältester" Krippenbaumeister und Gründer des "um ein paar Tage ältesten" Kärntner "Ortsvereins der Krippenfreunde" mit 64 Mitgliedern, wie er stolz anmerkt. An die 500 Krippen sind unter seiner Anleitung entstanden. Er weiß, worauf's ankommt.
Euphorie. Zum Beispiel auf das richtige Verhältnis von Figuren zu Gebäude und Umgebung: "Es passiert immer wieder, dass jemand in seiner Euphorie immer höher baut, bis die Figuren nicht mehr passen. Dann wird halt wieder ein Stück rückgebaut." Ebenfalls wichtig: die Fassung - wie Krippenbauer das Anmalen nennen: "Keine grellen, sondern harmonische Farben. Und Kitsch vermeiden." Mit Schaudern erinnert er sich an eine bunte, hell angestrahlte Krippe voller Bergkristalle: "Die sah aus, als käme sie aus Tausendundeiner Nacht - der Anblick ging schon unter die Netzhaut!"
Macht süchtig. 50 bis 60 Stunden brauchen die Teilnehmer seiner Krippenbaukurse; meistens fangen sie im September an und sind am ersten Advent fertig. "Eine Frau wollte gern mitmachen, hatte aber Selbstzweifel und sagte ,Das schaffe ich eh nicht'. Ich konnte sie beruhigen, weil nach Abschluss des Kurses noch jeder mit einer Krippe nach Hause gegangen ist." Manche kommen im nächsten Jahr wieder und beschenken nach und nach ihre ganze Verwandtschaft mit Krippen. Andere kommen auch wieder, um ihre Krippe "aufzufrisieren": Die erweitern dann ihre orientalische Krippe um das Feld mit den Hirten oder den Stadtteil mit der Grotte. Krassnitzer: "Es stimmt - Krippenbauen kann süchtig machen."
Sinnbild von Weihnachten. Der Experte hat sein himmlisches Handwerk in Tirol gelernt, wo er auch die größte Hauskrippe bestaunen konnte: "Die Krippe in einem Inzinger Haus war vier Meter breit und zwei Meter tief." Klein(st)e Krippen gibt es auch: "In einer Nussschale, in einem Buch - für ein Krippe ist überall Platz!" Dass es Hauskrippen gibt, verdankt die christliche Menschheit Josef II. und dem Umstand, "dass sein Schuss nach hinten losging", wie Krassnitzer amüsiert festhält. Als der Kaiser im 18. Jahrhundert die Macht der Kirche eindämmen wollte, untersagte er auch die Aufstellung von Krippen in Gotteshäusern. "Das hatte die unerwartete Folge, dass die Gläubigen sich selbst Krippen schufen", so Krassnitzer. Obwohl das Krippenbauen - vor allem in der Gruppe - eine vergnügliche Sache ist: Der Hintergrund war, ist und bleibt für Krassnitzer religiös. "Eine Krippe ist das Sinnbild von Weihnachten und kein Museumsstück, mit dem man die Wohnung verschönert."
Liebevolle Kritik. Apropos Wohnung: Wenn der Baumeister Leute besucht, die ihre Krippe schön im Flur präsentierten, kritisiert er immer liebevoll: "Lasst ihr andere Gäste auch im Vorraum stehen? Krippen gehören in die Stube, denn sie gehören zur Familie." Ja, er sei konservativ, was Krippen angeht. Deshalb sind ihm "Kommerzkrippen" ein Gräuel: "Es war ein Schock für mich als ich vor einem Kaufhaus eine Krippe sah, die Kunden anlocken sollte. Dann tobten noch Perchten und Krampusse durch die Krippe - das gab mir den Rest."
Hobby. Die "Hauptsaison" der Krippen liegt zwischen Heiligabend und Maria Lichtmess am 2. Feber. Doch wer will, kann sich fast acht Monate mit seinem Hobby befassen, ohne als eigenartig zu gelten. September bis November: Krippenbau. Adventszeit: Krippe aufstellen, mit dem Propheten Jesaja, dem Weißen Reiter, der Herbergssuche, den Hirten "denn die waren ja alle schon da". Heiligabend kommt Jesus mit seinen Eltern dazu. Ab Stefani reitet der Tross der Heiligen drei Könige in Richtung Stall. Am Dreikönigstag findet das Meeting statt.
Staunen. Am 2. Feber ist Schluss - eigentlich. Doch für Süchtige mit Entzugserscheinungen gibt es so genannte Ganzjahres-Krippen, die bis zur österlichen Auferstehung reichen. Das reicht! Wann sind Krippenbauer am glücklichsten? Krassnitzer: "Bei der Krippenfeier, wenn diese auch geweiht werden. Dann ist die Familie dabei und staunt, was ihre Angehörigen fertig gebracht haben."
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Foto

Josef Krassnitzer appliziert einen (Glas-) Eiszapfen Foto © Just











