"Mordsspaß" mit den Juden
1945 wurden während einer Party im burgenländischen Schloss Rechnitz 180 Zwangsarbeiter ermordet. Ein ungelöstes, ungesühntes Grauen.
Die Nacht auf Palmsonntag 1945: Auf Schloss Rechnitz nahe der ungarischen Grenze wird ein "Gefolgschaftsfest" gefeiert. Gestapo-Größen und SS-Offiziere heben mit ihren Sektgläsern aber eher einen apokalyptischen Schlusstrunk, denn die Rote Armee lauert nur noch 15 Kilometer weit entfernt.
Jagdgesellschaft.
Um Mitternacht wird aus einem Teil der Partygesellschaft eine Jagdgesellschaft. Ortsgruppenleiter Franz Podezin teilt Waffen aus. Die Trophäe: Ungarische Juden, zur Zwangsarbeit für den Südostwall-Bau verurteilt und wegen Krankheit oder Erschöpfung inzwischen "wertloses Menschenmaterial".
Furchtbare Anklage.
"Die Opfer, mit Lastwagen zum nahen Kreuzstadl gebracht, mussten sich ausziehen und an den Rand einer ausgehobenen Grube setzen. Dann wurden sie erschossen, zum Teil auch erschlagen", wird es 1947 von der Staatsanwaltschaft Wien heißen.
Angeklagt wurden etliche, verurteilt nur zwei Beteiligte, wegen vergleichsweiser Bagatellen. Zeugen widerriefen, wurden erpresst, bedroht, zwei ermordet. Haupttäter Podezin und der Gutsverwalter waren im Ausland untergetaucht, der Nazi-Kreisleiter lebte nach kurzem Kerker (wie der berüchtigte Gauleiter Tobias Portschy) unbehelligt und hofiert weiter in der Gegend.
Rolle der Gastgeber.
Welche Rolle die Gastgeber spielten, blieb bis heute ungeklärt. Margit Batthyány, geborene Thyssen-Bornemisza, die den Nazis ihr Schloss als "Erholungsort" angeboten hatte, war beim Fest, bei dem bis zum Morgen weiter getrunken und getanzt wurde, ebenso zugegen wie ihr Mann.
Gerüchte.
Ein kürzlich auch auf Deutsch erschienenes Buch gab Kontroversen neue Nahrung. Der Brite David Litchfield behauptet in "Die Thyssen-Dynastie", die Gräfin hätte schon früher mit sadistischem Vergnügen Erschießungen zugesehen und in der "Höllennacht den Gästen zusätzliche Unterhaltung bieten wollen".
Wilde Gerüchte wie jenes, sie hätte "auf einen Schimmel reitend in die Menge der Zwangsarbeiter geschossen", halten sich bis heute. Paul Gulda vom Rechnitzer Gedenkverein hält viele davon für "grotesk übertrieben", leider ließe sich in dem Fall aber gar nichts mehr beweisen.
Keine Anklage.
Trotz Verdachts auf Mittäterschaft und Fluchthilfe für den Haupttäter wurde die lebenslustige Margit Batthyány, die sich in Lugano bis zu ihrem Tod 1989 hauptsächlich um ihre Rennpferde kümmerte, nie angeklagt.
Vergangenheitsbewältigung à la Österreich.
Rechnitz bleibt trotz des Mahnmals "Kreuzstadl" oder eines kürzlich sehr offen geführten Symposiums in Eisenstadt eine Metapher für Vergangenheitsbewältigung à la Österreich, für das "aktive Vergessen". Dazu trägt auch bei, dass zig Anläufe vergebens waren, das Massengrab zu finden. 1970 entdeckte man eher zufällig die Leichen jener 18 Zwangsarbeiter, die im "Zuschauflerkommando" die Massakeropfer verscharren mussten und selbst hingerichtet wurden. Man setzte sie auf dem jüdischen Friedhof in Graz bei. 1994 ließ sogar Eduard Erne für seinen Film "Totschweigen" nach Opfern graben, auch mit einem Bagger. Auf dessen Greifarm stand, fast wie zum Hohn: Mengele.










