"Professionelle Hilfe muss auf Stand-by sein"
Traumatherapeutin: Entführungsopfer müssen zunächst realisieren, dass es wirklich vorbei ist.

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Wenn jemand so lange in der Gewalt anderer ist,
bringt das eine massive Veränderung im Denken und Fühlen mit, sagte
die Wiener Psychiaterin und Traumatherapeutin Sylvia Wintersperger im
APA-Gespräch. Bevor Langzeitgeiseln aber psychologische Betreuung
erhalten, müssen normale Grundbedürfnisse befriedigt werden. "Sie
sollen das essen dürfen, wozu sie Lust haben, baden dürfen, was auch
immer. Professionelle Hilfe sollte auf Stand-by sein und sich daran
orientieren, was benötigt wird", sagte Wintersperger.
Stabile Umgebung.
In erster Linie brauchen die Geiseln jetzt eine sichere,
geordnete, stabile Umgebung. "Sie brauchen jemand, der versteht, was
da los war, der ihnen hilft in ihre Individualität zurückzufinden",
sagte Wintersperger. "Ich glaube schon, dass sie professionelle Hilfe
benötigen werden, aber womöglich nicht gleich." Die beiden
Entführungsopfer müssen zunächst einmal realisieren, dass es wirklich
vorbei ist.
Therapie.
Ob eine Traumatherapie benötigt wird, hänge von der Dauer und der
Intensität des Erlebten ab. "Das kann man jetzt im Vorhinein noch
nicht sagen", meinte die Therapeutin. Am schwierigsten zu verarbeiten
sind Einzelerlebnisse, die dem Tod nahe gehen. "Todesbedrohungen wie
'schießt er auf mich oder nicht?', verursachen Extremstress", sagte
Wintersperger. Das Erlebte kann sich in hartnäckigen Flashbacks
manifestieren, die später, auch wenn die Geiselnahme beendet ist,
immer wieder auftauchen. "Das kann man nur professionell behandeln."
Überlebensreflex.
In Geiselhaft entwickle sich als Überlebensreflex ein
Beziehungsmuster, dass als "Dankbarkeit wider Willen" bezeichnet
wird. "Man muss sich ständig wappnen, unterordnen, einfügen - dadurch
nimmt man automatisch die Denkweise und Haltung des Geiselnehmers
an", sagte Wintersperger im APA-Gespräch.
Bewusstseinsveränderung.
Wie Menschen mit der Situation in der Geiselhaft umgehen, sei
individuell verschieden. Extremer Stress sorgt im Gehirn dafür, dass
sich Verarbeitungsmuster ändern. Statt einer Abwehrreaktion wie Kampf
oder Flucht kommt es zu einer Aufsplitterung des Erlebnisses. Das
könne man sich vorstellen, "wie wenn es eine Sicherung durchhaut",
sagte die Therapeutin. Das Gehirn lege dann Leitungen lahm,
Ereignisse können nicht ins Langzeitgedächtnis gespeichert werden.
"Das führt dann zur Bewusstseinsveränderung", erklärte Wintersperger.
"Das muss bei den Sahara-Geiseln aber nicht der Fall sein. Zunächst
ist es wichtig sie entscheiden zu lassen, was sie wollen und sich
daran zu orientieren, was von ihnen benötigt wird."
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