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Zuletzt aktualisiert: 31.10.2008 um 18:42 UhrKommentare

"Professionelle Hilfe muss auf Stand-by sein"

Traumatherapeutin: Entführungsopfer müssen zunächst realisieren, dass es wirklich vorbei ist.

Wolfgang Ebner

Foto © APAWolfgang Ebner

Wenn jemand so lange in der Gewalt anderer ist, bringt das eine massive Veränderung im Denken und Fühlen mit, sagte die Wiener Psychiaterin und Traumatherapeutin Sylvia Wintersperger im APA-Gespräch. Bevor Langzeitgeiseln aber psychologische Betreuung erhalten, müssen normale Grundbedürfnisse befriedigt werden. "Sie sollen das essen dürfen, wozu sie Lust haben, baden dürfen, was auch immer. Professionelle Hilfe sollte auf Stand-by sein und sich daran orientieren, was benötigt wird", sagte Wintersperger.

Stabile Umgebung. In erster Linie brauchen die Geiseln jetzt eine sichere, geordnete, stabile Umgebung. "Sie brauchen jemand, der versteht, was da los war, der ihnen hilft in ihre Individualität zurückzufinden", sagte Wintersperger. "Ich glaube schon, dass sie professionelle Hilfe benötigen werden, aber womöglich nicht gleich." Die beiden Entführungsopfer müssen zunächst einmal realisieren, dass es wirklich vorbei ist.

Therapie. Ob eine Traumatherapie benötigt wird, hänge von der Dauer und der Intensität des Erlebten ab. "Das kann man jetzt im Vorhinein noch nicht sagen", meinte die Therapeutin. Am schwierigsten zu verarbeiten sind Einzelerlebnisse, die dem Tod nahe gehen. "Todesbedrohungen wie 'schießt er auf mich oder nicht?', verursachen Extremstress", sagte Wintersperger. Das Erlebte kann sich in hartnäckigen Flashbacks manifestieren, die später, auch wenn die Geiselnahme beendet ist, immer wieder auftauchen. "Das kann man nur professionell behandeln."

Überlebensreflex. In Geiselhaft entwickle sich als Überlebensreflex ein Beziehungsmuster, dass als "Dankbarkeit wider Willen" bezeichnet wird. "Man muss sich ständig wappnen, unterordnen, einfügen - dadurch nimmt man automatisch die Denkweise und Haltung des Geiselnehmers an", sagte Wintersperger im APA-Gespräch.

Bewusstseinsveränderung. Wie Menschen mit der Situation in der Geiselhaft umgehen, sei individuell verschieden. Extremer Stress sorgt im Gehirn dafür, dass sich Verarbeitungsmuster ändern. Statt einer Abwehrreaktion wie Kampf oder Flucht kommt es zu einer Aufsplitterung des Erlebnisses. Das könne man sich vorstellen, "wie wenn es eine Sicherung durchhaut", sagte die Therapeutin. Das Gehirn lege dann Leitungen lahm, Ereignisse können nicht ins Langzeitgedächtnis gespeichert werden. "Das führt dann zur Bewusstseinsveränderung", erklärte Wintersperger. "Das muss bei den Sahara-Geiseln aber nicht der Fall sein. Zunächst ist es wichtig sie entscheiden zu lassen, was sie wollen und sich daran zu orientieren, was von ihnen benötigt wird."


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